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Carlos Dufour
Die Fabel der Zwei Hemden

„Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches zu verstehen. Den anderen spreche ich in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch wenn sie es schauen, und  nicht verstehen, auch wenn sie es hören“  
(Lk. 8: 0)

Im Biergarten nennt man ihn Gandalf, aber niemand weiß, warum. Da er selten kommt und nicht lange bleibt, haben sich um ihn kleine Legenden gebildet. Die Meinungen gehen auseinander. Manche halten ihn für einen typischen Münchner Spinner, jedenfalls einen Eigenbrötler; andere gehen so weit, in ihm ein verkanntes Genie zu vermuten.

An jenem Abend war Roland gerade dabei, der bierseligen Runde die letzten politischen Gerüchte zu erläutern, als Gandalf erschien. Edelbrecht, der Bücherwurm, begrüßte ihn mit einer fast chinesischen Höflichkeit; Gandalf machte ein Zeichen, er wolle ungern das Gespräch unterbrechen und bestellte gleich seinen Edelstoff.

Als das Fräulein endlich mit den Getränken kam, waren die politischen Analysen schon beendet, andere folgten. Wirkte das Dirndl zu provokativ? Klaus‘ Augen erfaßten die weibliche Gestalt wie ein Scanner. Die Runde, die Gandalf aus der Reserve locken wollte, fing an, die Großen Fragen zu diskutieren, die seit langem die Menschheit erschüttern. Zum Beispiel, wie konnte Tarzan, dessen afrikanische Werkzeuge gewiß dürftig waren, immer so gut rasiert sein? Oder wie war es zu begreifen, daß schon die berühmte Familie Feuerstein in der Steinzeit Weihnachten feiern konnte? Edelbrecht meinte, daß dieses Schlüsselerlebnis  den jungen Heribert Illig geprägt und später zum Chronologiekritiker gemacht hätte. „Heribert wieviel?“ fragte jemand.
Da meckerte Gandalf, alle diese Witzeleien seien niveaulos. Zur Züchtigung der Anwesenden wollte er eine Frage aufwerfen, deren Bedeutung  für unsere feministisch verdorbene Zeit jedem intelligenten Menschen einleuchten sollte. Die Frage lautete: Wie kann jemand zwei relativ saubere Hemden tragen, ohne sie je zu waschen?

Keiner fand eine gute Antwort. Gandalf verriet die Lösung mit der ernsten Miene eines bierzapfenden Wirtes: „Es seien zwei Hemden A und B gegeben. Man nehme Hemd A und trage es, bis es dreckiger ist als B. Dann tausche man Hemd A durch Hemd B, das sauberer ist. Man trägt nun B so lange, bis B schmutziger wird als A. Jetzt ist A relativ zu B sauber. Den Prozeß wiederholt man so lange wie nötig. So behält man immer ein relativ sauberes Hemd, ohne etwas zu waschen. Was zu zeigen war!“

Die Runde war verdutzt bis amüsiert. Gandalf stand auf, trank seinen Edelstoff aus und fügte hinzu: „Ich merke, daß manche nicht mitkommen. Ich sage Euch: zu ihnen spreche ich in Gleichnissen, damit sie schauen, ohne zu sehen und hören, ohne zu verstehen; wer es vermag, möge selbst die Moral herausfinden. Aber jetzt entschuldigt mich, ich werde woanders dringend gebraucht“. Und ohne weitere Worte verließ er die Kneipe, stolz wie ein König.


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Edelbrecht nörgelte: „Für wen hält sich dieser Kerl eigentlich? Den letzten Spruch nahm er aus dem Lukasevangelium. Und der Hemdenwitz selbst ist sicher ein Plagiat, den habe ich schon irgendwo gelesen. Und eine Moral daraus ziehen? Anstatt eine nichtvorhandene Moral anzukündigen, hätte er besser sein Bier bezahlen sollen!“

Aber, aber“, erwiderte Klaus. „Lieber Edelbrecht,  Sie lesen so viel, daß Sie dem kreativen Denken keine Chance lassen. Für mich hat die Fabel eine sehr passende Moral. Wissen Sie, ich verabscheue Beziehungserklärungen, besonders bei eifersüchtigen Damen. Mit dieser Fabel kann ich meinen Freundinnen die Vorzüge der Bigamie gut erklären. Ah, keine Sorge, sein Bier geht auf mich.“

Roland sah die Bedeutung der Fabel woanders: „Es geht für mich um die Kritik an der parlamentarischen Demokratie mit ihrem Zweiparteiensystem. Die Hemden sind die großen Volksparteien und die Abwechslungen die Wahlen, die zur Legitimierung des Übels dienen. Das ist für Propagandazwecke ziemlich brauchbar. Ich werde prüfen, ob ich eine Präsentation mit dieser Botschaft in YouTube plazieren kann.“


Freilich gab es in der Runde andere Teilnehmer, die eine noch extremere Moral aus der Fabel zogen. Aber diese Ideen sind zu spekulativ und noch dazu beunruhigend, da sie sich auf eine angeblich geheime Lehre Gandalfs beziehen. Es scheint also ratsam, vorläufig den Bericht hier abzuschließen.

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