banner_adler_standard.jpg
Der Weihnachtsbaum
 
weihnachtsbaum.tif
Ring_ts
In der Sonnenwendnacht bringt man einen der Bäume, die den leuchtenden Schein des Sonnenwendfeuers gesehen haben, herein in die warme Stube, setzt den Baum in das Radkreuz und schmückt ihn mit den Lichtern der Weihnacht. Da steht der immergrüne Lebensbaum und spricht von dem dunklen Wintertod des alten Jahres und der leuchtenden Neugeburt der kommenden Zeit.
Dieser Sinn soll uns auch dann bewußt bleiben, wenn wir den Baum in den Städten auf dem Weihnachtsmarkt kaufen müssen. Es soll ein schöner schlanker Baum sein, der mit seinen weit ausladenden Ästen Ernst und Feierlichkeit im Raume verbreitet. Er steht in der Jul-Ecke des Hauses. Auf das Schmücken soll sehr viel Sorgfalt ver-
wandt werden. Man fängt nicht erst am letzten Tage mit der Vorbereitung an, so daß dann alles überstürzt wird und die nächste Drogerie zur Ergänzung des Fehlenden mit allerhand unsinnigem Krimskrams herhalten muß.
Das Radkreuz vom Julkranz wird nun zum Ständer des Baumes. An seine Spitze soll gar nichts gesteckt werden, der oberste Trieb bleibt frei. Der schönste Schmuck des Baumes sind brennende Lichter. Außer ihnen sollen die rotesten Apfel in reicher Zahl an dünnen Drähten hineingehängt werden; denn der Apfel ist Sinnbild des schlum-
mernden Lebens, das aus ihm einst hervorbrechen soll, und seine Farbe deutet auf die goldenrote Sonne. Sinnbilder derselben Bedeutung sind golden und silber gefärbte Nüsse. Weiter dürfen in dem Baum die zuvor gebackenen Gebild- und Spekulatius-
kuchen und das Marzipanschwein, das an den Juleber erinnert, sowie das Sonnenrad nicht fehlen.


Die Weihnachtsfeier

Die Weihnachtsfeier begehen wir wie die Sonnwendfeier am Abend, nicht am Morgen. Weihnachten ist das Fest des neugeborenen Lichtes und des sich immer erneuernden Lebens. Darum ist es die Feier des Gedenkens an die Geburt des Kindes, des Wun-
sches für das Gedeihen der ganzen Familie. Aus diesem Anlaß beschenken wir uns zu Weihnachten. Dies ist ein Zeichen gegenseitiger Achtung für den verantwortlichen Anteil, den ein jedes teilnehmende Glied der Familie für ihr Bestehen inne hat. Darum ist in Deutschland Weihnachten ein ausgesprochenes Familienfest.
Die Geschenke werden geheimnisvoll in der Jul-Ecke unter den Weihnachtsbaum gelegt. Wenn alles hergerichtet ist, beginnt die Weihnachtsfeier mit einem besonders ausgewählten Abendessen. Es ist ein größeres Mahl, dessen Hauptgang das Karpfen-
gericht, der Gänse-, Wildschwein- oder Hasenbraten bilden soll. Diese Tiere, aus dem Bereich des Wassers, der Luft und der Erde genommen, sind seit alters her auf dem Weihnachtstisch zu finden und sollten niemals durch andere Gerichte verdrängt werden.
Nach dem Essen zündet man den Julleuchter an, von dem die Kerzen des Baumes ihr Licht erhalten, die zu 13 (12 Monate mit dem 13. neuwerdenden) oder 27 (3 Mondwochen von 9 Tagen) aufgesteckt sind. Dabei läßt man 3 auffällig zusammen-
stehende Kerzen ohne Licht. Wenn die Familie versammelt ist, zündet man die letzten drei Lichter am Julleuchter an. Dann wird das Lied vom Tannenbaum angestimmt, denn ohne Lied ist dieses Fest nicht denkbar, und nun geht jeder zu seinen Geschenken.


Der Altjahrabend und der Julleuchter
balken_schmal_4.tif
julleuchter.tif
Dem Weihnachtsabend folgen die Zwölften mit ihren zwölf heiligen Nächten. In dieser Zeit wurde früher nicht gearbeitet. Die Tage waren die hohe Festzeit unserer Vorfahren. In ihnen zog Wodan mit dem Heere der Gestorbenen durch die Lüfte, und Frigga oder Frau Holle führte das Heer der Ungeborenen über den Häuptern der Menschen dahin.
Wir sollen in dieser Zeit, so oft es möglich ist, den Weihnachtsbaum entzünden. In der Altjahrnacht aber erreicht das Fest noch einmal seinen Höhepunkt. Noch einmal wiederholen sich die Ereignisse der Weihnacht, denn noch einmal nehmen wir Abschied vom Vergangenen und blicken hoffnungsvoll in die Zukunft. Aber der Alt-
jahrabend trägt ein ausgesprochen fröhliches Gepräge. Die Kinder haben sich Knall-
frösche besorgt und machen sich Freude auf ihre Weise. Die Mutter holt den Löffel zum Bleigießen hervor, der nur in dieser Nacht benutzt wird. Aus den krausen Figuren des im Wasser abgeschreckten Metalles will nun ein jeder die Gestalt des kommen-
den Schicksals ablesen. Der Altjahrpunsch zum Umtrunk duftet durchs Haus, und das Abendbrot ist wieder ein Festmahl wie am Weihnachtsabend.
Zur Mitternacht aber, wenn der Weihnachtsbaum lange erloschen ist, dann stellt man den Julleuchter auf den Tisch. Dieser Leuchter mit seiner Jahreskerze hat bei fast allen Feiern im Jahreslaufe einen Augenblick lang geleuchtet. Davon ist die Kerze in seinem Innern herabgebrannt. Heute, am Altjahrabend, soll er nun ein neues Licht erhalten. So wie bei unseren Ahnen das heilige Herdfeuer nie verlöschen durfte, so soll es auch mit unserem Leuchter sein. Er ist uns damit Sinnbild des nie verlö-
schenden Sonnenlichtes.

Das Gebäck
weihnachtbaeckereien.tif
Seit jeher gehören zur Weihnachtszeit Kuchen in dreierlei Form:

1. als Rad- und Plattenkuchen
2. als Pfefferkuchen und Spekulatius
3. als Gebildkuchen. Das Gebäck ist also wie der Weihnachtsbaum, der Julkranz und die Lichter Ausdruck des großen Geschehens der Wendezeit.
1. Der Radkuchen (Napfkuchen), mit einer Kerze in der Mitte;
2. der große Plattenkuchen;
3. Leb- und Pfefferkuchen (als Herz-, Stern- oder Radformen ausgestanzt);
4. Spekulatiusgebäck. Was das Spekulatiusgebäck betrifft, sind einige wenige Formen alter Herkunft allen anderen gegenüber zu bevorzugen: Der Hahn (Tagverkünder), der Eber (Juleber), der Reiter (Wodan auf seinem Hengst), der Jäger (Wodan), die Spinnerin (Frau Holle oder Frigga), der Lebensbaum und das Menschenpaar. Die Spekulatiusfiguren und die Gebildkuchen in ihren sinnvollen Gestalten sollen am Julkranz, bestimmt aber am Weihnachtsbaum wiederzufinden sein.

1  2