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Das Universale und das Ewige

Der dritte Absatz von Clemens ist für die Analyse entscheidend:

„Die Religion im eigentlichen Sinne beinhaltet jedoch den Glauben an das Überirdische, an die Eingebettetheit des Menschen in das Universale und die Ewigkeit. Damit ist eine demütige Anerkenntnis von der Unvollständigkeit des Menschen verbunden, eine Anerkenntnis von seiner Kleinheit, Unwissenheit und Fehlerhaftigkeit, was das Christentum in dem Begriff der Erbsünde zusammenfaßt. Durch Erkenntnis kann man die Welt nicht erklären, sondern nur den kleinen Ausschnitt, für den sie bestimmt ist.“

Demut hat etwas für sich, denn sie ist die beste Tugend für jene, die keine andere haben. Aber sie kann leicht zu Hochmut werden, der das Wissen dieser Welt als närrischen Stolz abtut. Die Abneigung gegen die Wissenschaft begleitete immer den christlichen Universalismus, und Clemens setzt diese Tradition fort. Wenn man die Welt nicht durch Erkenntnis erklären kann, womit sonst? Könnte man sie durch Unkenntnis erklären? Oder durch Glauben?

Oft wird von Christen ausgeführt, daß die Wissenschaft Dasein und Sosein der Welt als Ganzes nicht wissenschaftlich erklären kann. Der Gottesfürchtige könnte die Welt ohne Wissenschaft kinderleicht durch den Willen Gottes erklären: Gott wollte, daß die Welt in dieser bestimmten Gestalt existiert, und dadurch kam die Welt ins Dasein und Sosein.
Warum muß diese Lösung fehlschlagen? Wenn, wie der Christ meint, diese Welt kontingent ist, dann haftet die gleiche Kontingenz dem Willensakt Gottes an: sein Akt wäre auch kontingent. Ganz präzise: Daß die Welt kontingent ist, heißt, sie hätte nicht sein können − auch ganz anders sein können. Daß der Willensakt Gottes kontingent ist, heißt: sein Akt hätte nicht sein können (z. B. Gott erschafft gar nichts) oder andersgeartet (Gott findet eine andere Welt attraktiver als diese). Wenn kontingente Welt, auch kontingenter Wille des Schöpfers. Statt die Kontingenz zu erklären, hätten wir sie vermehrt. Sollten wir einen Supergott einführen, um die neue Kontingenz zu erklären? Diese Anthropomorphismen erklären gar nichts. Die Wissenschaft kann im Gegensatz zum Glauben einiges erklären; sie kann sogar beweisen, daß sie unvollständig ist.

Was heißt Clemens‘ Behauptung, der Mensch sei ins Universale und die Ewigkeit eingebettet? Ein Deutung wäre, daß der Mensch universale Eigenschaften trägt (körperlich sein, organisch sein usw.), und daß es in der Zukunft immer wahr sein wird, daß der Mensch einmal dagewesen ist. Dies ist aber zu allgemein, zumal das gleiche für Äpfel und Birnen gilt. Das kann nicht der Sinn sein. Wahrscheinlich hat Clemens eine Lehre über das Jenseits und den moralischen Universalismus im Auge. Es zeigt sich nochmals, wie die Teilchen des Christentums zur Vervollständigung neigen. Wenn es demnach eine überweltliche Realität gibt, ist sie Wirklichkeit und als solche muß sie wirken können. Also sollten wir uns eine Überwelt mit allem Drum und Dran vorstellen:  Himmel und Hölle, Engel und Dämonen, Wunder und Stigmen. Das ist ein immerwährendes Veto gegen wissenschaftliche Erklärung. Wenn es mit dieser Überwelt hart auf hart kommt, ist mit einem systematischen Opportunismus zu rechnen: wird keine Beanstandung erhoben, spricht der Christ wörtlich; sonst war seine Behauptung eben allegorisch gemeint.

Politische Übersetzung

Nationalismus und Universalismus stehen unweigerlich im krassen Gegensatz. Dies zeigt sich an der Verehrung des Helden. Viele Gestalten kommen im Neuen Testament vor: der Heilige, der Märtyrer, der Sünder, der Arme, der Kranke − aber es fehlt der Held. Nietzsche schreibt gegen Renan: „Wenn irgend etwas unevangelisch ist, so ist es der Begriff Held (…) Die Unfähigkeit zum Widerstand wird hier Moral“ (AC, § 29). Der Islam entwickelte, zuweilen sehr poetisch, den männlichen Begriff des Dschihad, während die Christen sich als lammfromme Pazifisten beschrieben. Vielleicht wird der Christ einwenden, dies sei zeitbedingt, um die Römer, die gerade 70 A. D. den Jerusalemer Tempel zerstört hatten, nicht unnötig zu brüskieren – es wäre Selbstmord gewesen, Rom nochmals herauszufordern. Schon möglich, aber so zeigt sich das Christentum als eine allzumenschliche Angelegenheit. Bald beruft man sich auf das Jenseits, bald bemüht man aus politischem Opportunismus das Diesseits.

Nationen sind geschichtliche Individuen. Von Goethe stammt der Spruch über die lebendige Individualität als „innerlich Grenzenloses, äußerlich Begrenztes“. H. S. Chamberlain legte diese Idee als Grundgesetz allen geistigen Lebens aus, sei es für das Besondere eines Individuums oder das eines Volkes. Erst die äußere Begrenzung ermöglicht die Freiheit:

„Wird dagegen äußere Unbegrenztheit erstrebt, so wird die Grenze innerlich gezogen werden müssen. Dies letztere ist denn auch die Formel des neurömischen kirchlichen Imperiums: innerlich begrenzt, äußerlich grenzenlos. Opfere mir deine menschliche Persönlichkeit, und ich schenke dir Anteil an der Göttlichkeit; opfere mir deine Freiheit, und ich schaffe ein Reich, welches die ganze Erde umfaßt und in welchem ewig Ordnung und Friede herrschen; opfere mir dein Urteil, und ich offenbare dir die absolute Wahrheit; opfere mir die Zeit, und ich schenke dir die Ewigkeit.“ (Grundlagen, [663])
Diese Zeilen verdienen eine zweite Lektüre. Chamberlains Auslegung gibt uns einen wesentlichen Wink. Die äußere Begrenzung stellt die andere Seite der inneren Freiheit dar. Der Biologe Richard Dawkins hat vor kurzem (2009) die Frage gestellt, wie eine Welt ohne Inseln jeglicher Art aussehen würde. Da gäbe es keine Evolution, keine Schranken zwischen Variationen, denn jede Veränderung würde durch die leichte Vermischung rückgängig gemacht. Was die „Inseln“ für die Biologie sind, das bedeuten die Nationen für die Geschichte. Wer diese Dimension des Nationalismus verkennt, mag vielleicht Heimatliebe, Patriotismus, oder was auch immer, empfinden − Weltanschauung ist das nicht.

Niederwerfung des Reiches als Strafe Gottes

Der siebte Absatz von Clemens hat es in sich, denn er bezieht sich auf den Untergang Deutschlands:

„Vielleicht liegt darin auch eine höhere Form der Gerechtigkeit (in der „Abendbläue“ nenne ich es geschichtliche Gerechtigkeit). Da ich mich theologisch zu wenig auskenne, wage ich nicht von einer Strafe Gottes zu sprechen. Ansonsten wäre es durchaus folgerichtig zu sagen: Da sich das deutsche Volk von Gott abgewandt hat, geht es daran zu Grunde.“

Hier begegnen wir dem Trick, den die Rhetorik Paralipse nennt. Indem der Redner versichert, etwas nicht behaupten zu wollen, behauptet er es doch. Etwa derart: „Da ich Herrn X kaum kenne, wage ich nicht zu behaupten, daß er ein vollständiger Kretin ist.“ Ja, man wagt es nicht und tut es doch; daher Chestertons Bemerkung als Motto.

Zaghaft im Ton, klar in der Sache verrät uns Clemens die wahre Ursache des Untergangs. Jeder Nationaldenkende hält eigentlich den drohenden Untergang Deutschlands für die Folge der Niederlage des Reiches und der anschließenden Fremdbestimmung. Laut Clemens weit gefehlt − es war die gerechte Strafe Gottes!

Wie kann jemand sich gegen eine göttliche Strafe wehren?  Sollte der Gläubige sich nicht der gerechten Strafe in Demut fügen? Und reicht es dem lieben Gott nicht aus, die bösen Individuen in die Hölle zu schicken? Muß er unbedingt das ganze Volk ausrotten? Stalin und die Sowjetunion wurden mit dem Sieg belohnt − waren sie etwa frommer? Verlangt ein sadistischer Gott einen masochistischen Gläubigen? Fragen über Fragen.

Das Christentum meldet sich zuerst als Privatmeinung und endet früher oder später in Verrat und Zerstörung. Der Mensch wähnt, Herr seiner Ideen zu sein, und eines Tages verliert er die Kontrolle über sie. Nietzsche kreidete dem Christentum an, lauter imaginäre Ursachen (Strafe Gottes) und imaginäre Wirkungen einzuführen, bis eine Fiktionswelt entsteht. Clemens‘ Deutung des deutschen Untergangs bezeugt nochmals den christlichen Drang zum Fiktionalismus.

Nichtmehr und Nochnicht

Alois Mitterer schrieb:

„Das Christentum gilt es nämlich nicht mehr zu bekämpfen. Schlimmer noch! Es ist für die Lebensfragen des Volkes und sogar des einzelnen, unbeachtlich geworden. Denn mittlerweile ist klar, daß es als Kirche und auch als Lehre unserem Volk in der heutigen Lage nicht mehr helfen will und auch nicht mehr helfen kann“ (ViB, 1/2012).

In anderen Zeiten wirkten sich manche Kräfte positiv auf das Christentum aus und vermochten seine Gefährlichkeit einzudämmen. Indoeuropäische Mythen und heidnische Symbole verliehen dem Christentum einmal eine würdige Tiefe, politische Realitäten bändigten seine anarchistischen Instinkte. Heute sind diese Spuren nur noch schwer erkennbar, schlummernde Palimpseste. Vielleicht berufen sich manche Nationalen heute auf jenes Christentum; sie übersehen, daß diese Vorzüge nicht aus dem Wesen des Christentums flossen, sondern aus dem europäischen Substrat.

Da diese Kräfte aufgehört haben zu wirken, steht das Christentum auf sich selbst gestellt da,  oberflächlich, absurd, zersetzend. Nein, keine Strafe Gottes, eine epochale Ironie ist es, daß gerade das Christentum, das den Menschen einmal von oben herab die Rettung anbot, zuletzt von Menschen gerettet werden soll.

Wir leben im Übergang zu einer post-christlichen Zeit, im Dämmerlicht zwischen Nichtmehr und Nochnicht. Es ist nicht soweit. Inmitten von Ruinen vertieft sich die Nacht. Die einen klagen, die anderen halten Wache. □
 
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