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Ariadne, Theseus und das Labyrinth
(Solveig de Boissezon)
Der Faden der Ariadne diente dem griechischen Königssohn Theseus als Weg-
markierung auf den verschlungenen Wegen in das Labyrinth von Knosses auf der Insel Kreta. Die Sage erzählt vom kretischen König Minos, dessen Frau Pasiphe sich in einen Stier verliebte und in der Folge ein schreckliches Ungeheuer, den Mino-
taurus — halb Stier, halb Mensch — gebar. König Minos ließ von dem Architekten Daidalos für dieses Wesen ein Labyrinth als Gefängnis und Aufbewahrungsort bauen. Minotaurus erforderte menschliche Opfer. Nach einem verlorenen Feldzug mußten die Athener alle neun Jahre sieben Jünglinge und Mädchen nach Kreta zu schicken, wo sie dem Minotaurus geopfert wurden. Eines Tages war unter den Auserwählten Theseus, der Sohn des Aegeus, König von Athen. Theseus war entschlossen, Mino-
taurus zu töten. Als er nach Kreta kam, begegnete ihm Ariadne, die Tochter des Königs Minos. Ariadne verliebte sich in Theseus und gab ihm einen Faden als Wegmarkierung und ein magisches Schwert mit auf den Weg.
Theseus gelang es, das Ungeheuer zu besiegen und mit Hilfe des Fadens den Weg aus dem Labyrinth wieder herauszufinden. Daraufhin floh Theseus mit Ariadne auf die Insel Naxos. Dort überließ er sie dem Dionysos, der ihm im Traum erschienen war und Ariadne als seine Braut bezeichnete. Theseus segelte zurück in die Heimat. Weil er vergessen hatte, die schwarzen Segel gegen weiße auszuwechseln, stürzte sich Aegeus in dem Annahme, daß sein Sohn tot sei, von der Aussichtsklippe ins Meer. Im Andenken an Aegeus wird dieses Meer heute das Ägäische genannt.


Der Begriff ›Labyrinth‹ kann verschiedene Bedeutung haben: 

1. Zum einen dient er als Metapher für eine schwierige, unübersichtliche, ver-
wirrende Situation.

2. Auch Irrgärten fallen oft unter diesen Begriff. Im Gegensatz zum Labyrinth,
wo ein unveränderlicher Weg sicher zum Zentrum führt, gibt es in einem Irrgarten viele Abzweigungen, verschlossene Weg und Sackgassen. Das Zentrum eines Irrgartens wird erst durch Eigeninitiative, durch ständiges, sicherndes Orientie-
rungsbemühen und Überprüfung der Zielgerichtetheit gefunden. Im Labyrinth ist man nicht mit Orientierungsproblemen beschäftigt, sondern kann sich nach innen konzentrieren, kann sich der Frage nach dem Sinn des Weges widmen.  

3. Das Labyrinth im eigentlichen Sinn hat eine klare, geometrische  Form mit
Begrenzungslinien und ein zwischen diesen freigelassenes Band als Weg (Ariadne-faden). Der Weg ist kreuzungsfrei; er bietet keine Wahlmöglichkeit und führt also zwangsläufig zur Mitte und endet dort. Der Weg macht immer wieder Kehrtwen-dungen um 180°, das heißt er ›mäandert‹ (›Prinzip Umweg‹).


Durch die Verbindung von Quadrat und Kreis ist das Labyrinth ein Zeichen der Ganzheit des Universums. Das Quadrat symbolisiert die Erde und der Kreis den
Himmel. Der Mensch hat sich selbst immer als Schnittpunkt der Ganzheit betrach-
tet, als Mittler zwischen Himmel und Erde.
Das Labyrinth ist ein Symbol für den schwierigen und verschlungenen Lebensweg des Menschen. Die Wegsymbolik ist die zentrale Bedeutung des Labyrinths. Wer ein Labyrinth betritt, hat das Ziel bereits vor Augen. Die Distanz scheint nur kurz zu sein. Doch der Weg führt um die Mitte herum, und dann sogar immer weiter weg, hinaus in die Wirrungen des Labyrinths. Dabei stellt sich die Frage, ob man sich überhaupt noch auf dem richtigen Weg befindet, ob es sinnvoll ist, weiterzugehen, wo man das Ziel schon aus den Augen verloren hat. Wenn man unbeirrt weitergeht, führt der Weg schließlich zum Ziel, in die Mitte.
Das Labyrinth hat zwei Wege, den hinein in die Mitte und den heraus aus der Mitte. Theseus braucht keine Hilfe, um in der Mitte den Minotaurus zu finden,
aber er brauchte den Faden der Ariadne, um den Weg hinaus zu finden. Es ist leichter, zu einer Heldentat aufzubrechen, als wieder zurückzukehren. Der Weg hinein ist ein starker, ein spannender Weg auf ein Ziel zu. Der Weg heraus ist ein stiller, ein demütiger Weg. Man kennt ihn schon, und doch ist er wieder lang. Aber es braucht diese Zeit, diesen Weg zurück, um das Erlebte zu bedenken und zu verinnerlichen.
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