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Von Pelagius bis Meister Eckhart ist deren Hauptmerkmal der Vorrang des freien Willens auf der Suche des Menschen nach dem Göttlichen ― während Johannes Scotus Eriugena,
der Vorkämpfer des Pantheismus im 9. Jahrhundert, der den Dualismus in allen Erschei-
nungsformen ablehnte, ein Lehrgebäude errichtete, das zu seiner Zeit fast unbeachtet blieb, einige Jahrhunderte später allerdings eine echte geistige Revolution auslöste.
Über die Jahrhunderte hinweg befruchtete Eriugenas vernunfterfüllter, glaubenskräf-
tiger Einfluß den großen pantheistischen Gesang der Renaissance, den Paracelsus einmal
so in wenige Worte faßte:
„Nichts ist im Himmel noch auf Erden, das nicht im Menschen
sei / Der Gott, der im Himmel ist, der ist auch im Menschen / Denn wo ist der Himmel
als im Menschen?“
Die großen Bewegungen, die seit dem 16. Jahrhundert der neuzeitlichen Geschichte ihr Gesicht gaben, waren ja die Früchte jener Ideen, die von Männern gesät wurden, deren Botschaft zu ihren Lebzeiten noch ohne Anklang verhallte. Beispielhaft dafür sind meines Erachtens jene Männer des 19. Jahrhunderts, die wir als Erwecker der Völker bezeichnen können und denen Jean Mabire eine meisterhafte Schrift (Les grands aventuriers de l'his-toire, 1982) widmete. Sie sollten uns Vorbilder und Führer sein. Der Deutsche Jahn, der Ungar Petöfi, der Pole Mickiewicz, der Italiener Mazzini, der Däne Grundtvig, der Ire Pearse: sie alle wirkten als Pioniere und Künder, indem sie ihr Leben ausschließlich der Sendung widmeten, die ihnen als Daseinsauftrag über allem stand.
 
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Oben links: Friedrich Ludwig Jahn, 11. August 1778 in Lanz - 15
Als Friedrich Ludwig Jahn junge Deutsche zu vereinen beginnt, um den Widerstand
gegen die Besetzung des Deutschen Reiches durch napoleonische Truppen einzuleiten,
ruft er zur Erweckung der Geister und Gemüter auf:
„Am Anfang“, sagt er zu seinen Gefährten, „sind wir nur Männer voll guten Willens. Wir haben die Aufgabe, die Befreiungsbewegung in Gang zu bringen. Wie, das vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß indes, daß der erste Kampf in den Seelen auszufechten ist. Warum ist unser Volk willfährig? Weil seine Seele krank ist. Es hat die Hoffnung und das Vertrauen verloren. Durch das Wort können wir sie ihm zurückgeben, indem wir ihm erklären, daß keine Macht unbesiegbar oder ewig ist. Es gibt unzählige Beispiele von Herrschaftsformen, die zusammenstürzten. Jeder von uns soll ein Vorbild für unser Volk sein (...), ihm Stolz einflößen.“ Die Botschaft, deren Auftrag Jahn in sich verspürt, beherrscht sein ganzes Leben. Die letzten Worte, die er vor seinem Tod am 15. Oktober 1852 schreibt, lauten: „Deutsche Einigung war der Traum meiner Kindheit, das Morgenrot meiner Jugend, die Sonne meines reifen Alters. Sie ist jetzt der Abendstern, der mich zur ewigen Ruhe leitet.“ Die Einheit seines Landes sollte erst zwanzig Jahre später möglich werden, aber
er gehörte zu denjenigen, die zur Bildung einer gemeinschaftsgebundenen Seele beitru-
gen, ohne die es kein Volk geben kann.
Entsprechend war Guiseppe Mazzini vom Gedanken der italienischen Einheit besessen, und zwar zu einer Zeit, in der die Heilige Allianz alles daran setzte, um das Erstarken des nationalen Bewußtseins in Europa zu verhindern. Den Aktiven, die er um sich versammelt hatte, wiederholt er immer wieder: „Wir müssen ständig das wirksame Wort säen; dann werden wir zur Zeit der Ernte volle Speicher haben.“
Auch bei Nikolai Grundtvig war der Wille, ein Erwecker seines Volkes zu sein, die trei-
bende Kraft all seiner Bemühungen. Den Schreibtisch kaum verlassend, übte er doch auf Volk und Zeit einen Einfluß aus, der einmal mehr zeigt, wie stark eine nachdrücklich vertretene Idee auf die Geschichte einwirken kann. Mit heftigen Worten fordert Grundtvig seine dänischen Landsleute auf, ein ihrer stolzen Vergangenheit angemessenes Schicksal fortzuführen:
„Richte dich auf, herabgekommenes Volk / Verlasse den erniedrigenden Lagerplatz der Schlaffheit / Erhebe dich zum Himmel / Vergiß nicht, daß du von der kämpferischen Rasse des Nordens stammst / Daß du für die Tat geboren bist.“
Ebenso leidenschaftlich ist Sandor Petöfi, dessen kurzes Leben ganz auf das Erwachen seines ungarischen Vaterlandes gerichtet war: „Der Zorn meiner Jugend / Könnte er mich verlassen? / Nein, diese edle Leidenschaft / Bewohnt auf immer meine Seele.“
Solche Begeisterung kann Patrick Pearse sechzig Jahre später nachempfinden. Auch er
ist ein überzeugter Vorkämpfer mit dem Willen zur beispielgebenden Tat. Auf die Bemer-
kung eines seiner Freunde, die Erhebung gegen die Engländer sei reiner Wahnsinn, ant-
wortet er:
„Millionen von Menschen, die noch nicht geboren sind, werden eines Tages in der Nation leben, die wir für sie bauen wollen.“ Diese Nation muß dazu aber vorerst im Geiste über die Zeiten gerettet werden. „Wenn das geistige Irland verschwindet“, stellt Pearse fest, „dann wird auch das wirkliche Irland sterben.“ Der Gesang des Dichters muß diese geistige Nation am Leben erhalten. Die Kultur trägt nämlich (so selbstverständlich dies ist, so oft wird es vergessen) die Wesenszüge eines Volkes in sich. Für sie muß in
erster Linie gekämpft werden; darin sind sich alle Volkserwecker einig.
Die ersten Texte des jungen Mazzini sind literarische Kritiken. In der Auseinanderset-
zung zwischen Klassikern und Romantikern erkennt er sofort die metapolitische Trag-
weite. Die Anhänger des Klassizismus sind auch die des an der Macht befindlichen
Regimes, während Romantik und Nationalismus zusammengehören. Im Jahre 1829 gründet Mazzini die Vereinigung ›Kulturgesellschaft‹, die auf die Organisation einer Fahrbücherei abzielt. Mit der Verbreitung von Büchern und Zeitschriften will man den in vielen Ländern Europas brodelnden Ideen Austausch und Umlauf ermöglichen. Mazzini weiß sehr wohl,
daß die italienische Idee die Werke der Historiker, Künstler und Romanschriftsteller durchzieht. Francesco Sanscris, Historiker des Risorgimento*, erkennt 1875:
„Die Kultur war es, die die Einheit des Vaterlandes hervorbrachte.“ Als er auf dem Höhepunkt des politischen Kampfes steht, verweist Mazzini immer wieder auf den Vorrang des Kultu-
rellen. „Wir halten eine neue Enzyklopädie für notwendig“, schreibt er. Und gerade zu
der Zeit, da er die gesamte Jugend Europas zur Revolution aufruft, verfaßt er einen
Aufsatz über die Philosophie der Musik, in dem die fast religiöse, später durch Wagner verwirklichte Bedeutung der Oper bereits zum Ausdruck kommt. Während seines Londo-
ner Exils hat Mazzini folgerichtig mit Nachdruck darauf hingewirkt, daß eine Schule für
die Kinder italienischer Flüchtlinge eröffnet wurde.
Das revolutionäre Leben des jungen Mickiewicz beginnt mit dem Schreiben von Gedich-
ten. Als er zusammen mit einigen Gefährten eine Vereinigung aller Freunde der nützli-
chen Vergnügungen gründet (eine hinreichend harmlose Bezeichnung, um die Aufmerk-
samkeit der russischen Besatzer abzulenken), heißt es in den Aufnahmebedingungen für neue Mitglieder:
„Die Verbundenheit mit der Heimat besteht darin, deine eigene Sprache zu lieben und zu lernen, sowie die Tugenden und Heldentaten der Ahnen in Erinnerung
zu behalten, damit du ihnen nach Kräften und Fähigkeiten nachzueifern suchst.“
Dieses Bewußtsein der eigenen Wesensart durch die Verwurzelung bräftigt ein Band mit Versen, den Mickiewicz im Jahre 1823 veröffentlicht, Er erklärt selbst die Bedeutung des von ihm gewählten Titels: Dziady. „Die dziady bezeichnet ein Fest, das bis auf die heutige Zeit
von den Einwohnern bestimmter Gebiete Litauens, Preußens und Kurlands im Gedenken
an die Vorfahren gefeiert wird. Der Ursprung dieses Festes kann bis in heidnische Zeiten zurückverfolgt werden; es hieß einst ›Festgelage des Bocks‹, dem der Koslatz, der zu-
gleich Priester und Dichter ist, vorsteht. Da der aufgeklärte Klerus und die Grund-
besitzer heute bestrebt sind, einen mit abergläubischen, oft tadelnswerten Handlungen verbundenen Brauch zu entwurzeln, begeht das Volk die dziady heimlich in Kapellen
oder in verlassenen Bruchbuden, nahe an Friedhöfen. Gewöhnlich wird ein Festmahl gerichtet, das aus verschiedenen Speisen, Getränken und Früchten besteht, und man gedenkt der Seelen der Verstorbenen... Unsere dziady hat die Besonderheit, daß die heidnischen Riten mit den Auffassungen der christlichen Religion vermengt wurden,
zumal das Totenfest in die Zeit dieser Feierlichkeiten fällt.“

Die russische Polizei erkennt schließlich die umstürzlerische Macht des kulturellen Kampfes und Mickiewicz wird mit mehreren seiner Freunde wegen Verbreitung „eines unmäßigen Nationalismus durch das Mittel des Lehrens“ verurteilt.
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