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Die Verbannung der Freunde nach Sibirien beantwortet Mickiewicz mit der kulturellen Waffe des Gedichtes: „Die Seele des Liedes schweift auf den Gräbern / Und, zu gege-
bener Zeit, erweckt sie die Helden.“
Als Professor der slawischen Literaturen am Collège de France spricht Mickiewicz während seines Pariser Exils vor einem geschichtsbegeister-
ten Publikum; nach den Worten seines Freundes und Kollegen Jules Michelet tut er es
stets in dem Willen, neue Handlungsgrundsätze zu gewinnen, Seelen zu wecken, ent-
schlossene Leute anzuspornen.
Als junger Dichter unternimmt Grundtvig eine Art Pilgerfahrt zur Insel Seeland, um Spuren der heidnischen Zeit zu suchen. Dort findet er den Anlaß für sein späteres Han-
deln.
„An dieser Stelle, inmitten der Eichen I Wohnen die schlafenden Götter des Nor-
dens / Tränen rinnen aus meinen Augen / Wenn ich bedenke, was hier ruht.“
Der Sohn eines Pastors, der selbst Pastor der Dänischen Evangelischen Kirche werden soll, fühlt
sich dazu berufen, dem dänischen Volk den Sinn für sein historisches Erbe wiederzugeben. Er übersetzt die alten Chroniken der Wikingerzeit in neuzeitliches Dänisch. Inder Folge-
zeit strebt er einen völlig neuen Schultyp an, durch den die künftigen Führungskräfte Dänemarks in Abkehr vom bisherigen akademisch-steifen Unterricht auf den hochstehen-
den Geist der skandinavischen Kultur ausgerichtet werden sollen. Grundtvig schreibt darüber:
„Wir wollen keine Gelehrten hervorbringen, sondern lebendige Menschen, die eine ausschlaggebende Rolle im großen Befreiungskampf der Völker spielen können.
Unsere Schule soll der Kultur eines jeden Volkes dienen. Die Hauptfächer werden Geschichte und Literatur sein. Nur wenige Bürger kennen die Grundlagen des dänischen Staates. Sie müssen sie anhand unserer Quellen, unserer Bräuche, unserer Chroniken, unserer Volkslieder entdecken (...) Was ich ihnen beibringen bzw. vermitteln will, ist
eine Lebensphilosophie, oder einfacher gesagt, eine Lebensart, ein Stil.“

Die erste Vorlesung, die Grundtvig am 20. Juni 1838 hält, trägt den Titel Die nordische Lebensauffassung. Und im Jahre 1844 leitet der ungewöhnliche Pastor seine Vorlesung
vor Tausenden von Zuhörern mit den Worten ein:
„Unsere Schule muß sich von der Erinnerung an den Gott Heimdall leiten lassen, der, um seinen Sitz am höchstmöglichen Ort zu haben, ihn auf dem Himmelsberg errichtet hat.“ Grundtvigs Volksschule, die zunächst allein den Bauern vorbehalten war, befand sich auf einem riesigen Hof. Die Bauern kamen aus weitem Umkreis bei jedem Wetter zu Fuß dorthin. Es wurde ihnen von der Weltesche Yggdrasil, von Walhall und Ragnarök berichtet. Sie vermittelten dafür ihrerseits den Erziehern die in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch lebendigen volkstüm-
lichen Überlieferungen. Es war eine echte kulturelle Revolution.
Eine kulturelle Revolution führte auch Jahn durch, indem er ein Erziehungssystem ent-
warf, das die körperliche Ertüchtigung ohne Einschränkung in seinen Ablauf mit einbezog und die Jugendlichen in unmittelbare Beziehung zur Natur brachte. Die Natur faßte Jahn als kosmischen Raum auf, in dem der Mensch einen Ausgleich findet und neue Kraft gewinnt. Körper und Geist sind ihm untrennbar. Was zählt, ist nicht eine Anhäufung von Kenntnissen, sondern die Prägung des Charakters. Jahn, der um eine Heranbildung künf-
tiger Befreier des Vaterlandes bemüht war, konnte diese Idee gar nicht besser verwirk-
lichen, als seine Turngemeinde in einer Landschaft der Seen, Wälder und Heideflächen zu gründen. Seine Richtsätze faßte er in der Schrift zusammen, die einen bedeutenden Markstein in der Geschichte der deutschen nationalen Bewegung bilden sollte (Deutsches Volkstum).
„Es ist ein göttliches Gefühl,“ schreibt er, „daß man etwas kann, voraus-
gesetzt, daß man es will.“
Einer seiner Schüler äußerte später im gleichen Zusammen-
hang:
„Wir müssen unsere innere Einheit wiederherstellen, Herz und Geist, Glauben und Vernunft, Seele und Leib, Menschen und Vaterland, Denken und Sprache vereinigen.“ In diesem Sinne wurden auch die ersten Burschenschaften aus den alten studentischen
Korporationen gebildet. Mit seinem Beitrag zur Entstehung eines kulturell untermauerten Nationalismus hat Jahn im Europa der Aufklärung, das weitgehend vom Weltbürgertum
beherrscht wurde, ausgesprochen revolutionär gewirkt.
Geistesbildung und Leibeserziehung: dieses Ziel setzte sich auch Patrick Pearse. Vor
allen Dingen dem englischen Besatzer zum Trotz die gälische Sprache retten! Darauf
zielte die ›Gälische Liga‹ ab, der der junge Pearse ebenso wie einer Schwesterorganisa-
tion, der Gälischen Athletischen Vereinigung’, beitrat Sie bildete fraglos das ideale
Gerüst, um die jungen Iren auf den Kampf gegen die Engländer vorzubereiten. Pearse erklärte am Vorabend der bewaffneten Erhebung Ostern 1916:
„Die Geschichte wird der ›Gälischen Liga‹ den größten revolutionären Einfluß bescheinigen, den Irland jemals gekannt hat.“ In dem klaren Bewußtsein, was im kulturellen Bereich auf dem Spiele stand, gründete der noch nicht dreißigjährige Pearse ein College in der Nähe von Dublin. Aus diesem College gingen mehrere Generationen frischer Nationalisten hervor, die dort mehr eine Erziehung genossen denn einen Unterricht erhielten. „Zuerst der Charakter“, pflegte Pearse zu sagen, ohne zu wissen, daß er dabei einen Ausspruch Jahns übernahm. Jungen
und Mädchen mußten vor allen Dingen erkennen, daß sie einem Volk angehörten, das
eines Tages eine Nation werden wollte. Mythologie und Geschichte waren die beste Ga-
rantie für diese Bewußtwerdung. Mit ihrer Hilfe fanden die jungen Iren zu den eigenen Wurzeln zurück
„Spricht man von Volk, von Nation,“ schreibt Pearse, „dann sind die Lebenden unkenntlich und kommen uns wie Fremde vor, wenn sie sich nicht in ihren
Toten wiedererkennen, wenn Tote und Lebende nicht verwachsen sind.“
Durch die kulturelle Grundlagenarbeit wollte Pearse Irland zu seiner ureigenen
Wesensart zurückführen. Er trug keine Bedenken, bei den einfachsten Bauern die Über-
reste einer Sprache zu sammeln, die er neu abfaßte und niederschrieb, damit sie die größtmögliche Verbreitung erlangen könnte. Der Dichter übt auch damit eine revolutio-
näre Tätigkeit aus: er bereitet die Menschen auf künftige Aufstände vor.
Genau dies vollbringt auch Petöfi, wenn er seine Gedichte (von bäuerlichen Überliefe-rungen beseelte Liebes- und Kriegslieder) in Ungarisch verfaßt; diese Sprache gewinnt dadurch ein literarisches Ansehen zurück, das bis dahin im geistigen Leben der Madjaren a!lein der deutschen und der lateinischen Sprache vorbehalten war. Petöfis Gedichte, die zum Gesang eines ganzen Volkes werden, gehen von Dorf zu Dorf. Auf den Straßen seines Landes umherziehend, erkennt Petöfi, daß die Berufung des Dichters darin besteht, die Seele seines Volkes zum Ausdruck zu bringen. Er sagt es selbst: „Mit dem Volk, nun
vorwärts, Dichter / Alle vorwärts bei Feuer und Sturm!“
Denn, fügt er hinzu, die Ver-
liebtheit in das eigene Ich ist eines Dichters unwürdig:
„Die Welt hat dich nicht nötig / Wenn du nur besingen kannst I Deine eigenen Leiden, deine eigenen Freuden.“ Die revo-
lutionäre Bedeutung des kulturellen Werkes faßt Petöfi 1847 gegenüber einem befreun-
deten Dichter so zusammen:
„Wenn das Volk aus der Poesie lebt, ist es jedenfalls fähig, eine lebensnahe Politik zu gestalten.“
Die Handlungen der Volkserwecker’ zeigen zunächst eine moralische, ja sogar religiöse Ausrichtung. »Das augenblickliche Problem besteht in der Notwendigkeit, die Moral wieder in die Politik einzugliedern“, äußert Mazzini gegenüber seinen ersten Gefährten, als er die Bewegung ›Junges Italien‹ gründet. Und am Ende seines ausschließlich dem Kampf gewid-
meten Lebens mahnt er seine letzten Getreuen:
„Seid Apostel! Laßt euch nicht durch den Stolz auf die eigene Überlegenheit verführen (...) Vergeßt niemals, daß unsere Flagge vor allen Dingen das Symbol einer moralischen Erneuerung ist und daß die Wegbereiter jeder Erneuerung verpflichtet sind, diese selbst zu bezeugen (...) Steht zu eurem Glauben, zur Logik und Unerbittlichkeit eures Grundsatzes.“ Und schließlich, kurz vor seinem Tod: „Es gilt, die Tugend dort einzusetzen, wo heute die Korruption herrscht.“
Tugend ― dieses Wort, das im Sinne der römischen virtus aufzufassen ist, fließt häufig aus Mazzinis Feder. Er will seinem Land eine Seele geben. Im Londoner Exil schreibt er: „Italien als solches hat keinerlei Bedeutung, wenn es nicht große und edle Taten zum Besten Aller vollbringen kann (...) Ich habe mein Land zur Einheit ermahnt, während die Schlauen ihm lediglich von Förderalismus sprachen. Es geht aber um moralische Einheit;
es ist die Seele der Nation, die ich herbeiwünsche. Ihr Körper ist nichts ohne sie.“
Er fügt hinzu: „Die Republik, die wir anstreben, wird nicht nur ein politisches Ereignis, sondern auch ein großer religiöser Aufbruch sein.“ Den Mitgliedern des ›Jungen Italien‹ wiederholt er unermüdlich: „Die moralische Anwendung unserer Prinzipien ist von größter Bedeu-
tung (...) Unser Bund will ausschließlich erzieherisch wirken, bis zum Tage der Befreiung und darüber hinaus.“
 Der Vorrang der moralischen Forderung bedingt seines Erachtens,
daß der geistig Tätige den Dienst an der Sache des Volkes als einzige Berufung wahrnimmt, ohne auf Ruhm oder persönliche Vorteile bedacht zu sein. Als die Stadt Rom im Februar 1849 die Republik ausruf, und Mazzini zum Triumvir ernennt, arbeitet er Tag und Nacht
am Aufbau dieses neuen, sich nur als kurzlebig erweisenden Staates, nimmt seine Mahl-
zeiten wie in der Untergrundzeit in einer Winkelkneipe ein und trägt weiter jenes
schwarze Kleid, das er bereits in seiner Jugend anlegte, um das gedemütigte, unterwor-
fene Italien zu betrauern.
Auch Mickiewicz sieht in der geistigen Erneuerung die einzige Rettung für das Land. Zu der Zeit, da Frankreich von einem louis-philippschen Bürgertum geführt wird, teilt er
einem Freund mit, daß die polnische Bewegung
„ein religiöses, moralisches Gepräge erhalten soll, ganz im Gegensatz zum plutokratischen Liberalismus der Franzosen“. Und: „Möglicherweise ist unsere Nation dazu berufen, den Völkern das Evangelium des Volks-
tums, der Moral, der Religion sowie die Verachtung der Staatshaushaltsplanung
der alleinigen Grundlage der gegenwärtigen Politik zu predigen.“ Das Wort ›Moral‹ ist hier natürlich nicht in dem lebensfremden Sinn gemeint, der ihr gewöhnlich in der bürgerli-
chen Überlieferung zukommt. Es handelt sich vielmehr um eine heroische Moral. Pearse sagt es unumwunden:
„Grundlage der nationalen Aktion muß die Moral sein. Es ist die Moral der Kraft und des Mutes; die Moral, die Völker dazu treibt, Geschichte zu machen.“
Ein echter Revolutionär kann demnach nur derjenige sein, der die Revolution in sich selbst zu führen beginnt, der tief genug in sich selbst eintauchen kann, um den alten
Menschen abzustreifen. Mickiewicz versichert:
„Glaubt nicht, daß der innere Kampf ein Zeitverlust ist,daß er für die Außenwelt unnütz sei. Von dem inneren Kampf und Sieg hängt die ganze äußere Kraft ab.“ Die von ihm gegründete Bewegung, die ›Gesellschaft
der vereinigten Brüder‹, ist in erster Linie eine Glaubensgemeinschaft Er ist davon über-
zeugt, daß nur Mystiker eine neue Zeit herbeiführen können. Grundtvig sieht das genauso: Die größten Abenteuer finden zunächst im Inneren statt. Wer könnte sein Volk zu erwek-ken vermeinen, wenn er sich nicht zuvor selbst erweckte?
Man muß seine Ideen leben. Mazzini wiederholt es seinen Freunden ständig: „Nur durch die Tugend werden die Brüder des ›Jungen Italien‹ die Menge für ihren Glauben gewinnen können.“ Man muß die Idee verkörpern, muß Vorbild, Symbol sein. Nietzsche sagt über Mazzini: „So greifen sie nach Philosophien der Moral, welche irgendeinen kategorischen Imperativ predigen, oder sie nehmen ein gutes Stück Religion in sich hinein, wie dies zum Beispiel Mazzini getan hat. Weil sie wollen, daß ihnen unbedingt vertraut werde, haben sie zuerst nötig, daß sie sich selber unbedingt vertrauen, auf Grund irgendeines letzten indiskutablen und an sich erhabenen Gebotes, als dessen Diener und Werkzeuge sie sich fühlen und ausgeben möchten.“ (Die Fröhliche Wissenschaft, Erstes Buch, 5)
Mazzini war in den Nationalismus eingetreten, wie man in einen geistlichen Orden ein-
tritt. Dieses gewissermaßen religiöse Hochgefühl haben alle Volkserwecker’ gekannt. Mickiewicz besingt den
„Appell an das Heldentum, den höheren Willen, das unbegrenzte Opfer“. Entsprechend bekennt Pearse: „Ich habe mich nie unterworfen / Ich habe mir
eine größere Seele geformt / Als die der Herren meines Volkes / Und ich sage den Herren meines Volkes: Nehmt euch in Acht!“
 
denker.tif
balken_breit_1bis.tif
guerrier_vial_ideen.tif
Es ist nicht vernünftig,
darauf zu warten,
daß der Allmächtige
die weltlichen Gesetze
abschaffe, die uns
einschränken.
Nur Bewaffnete
werden die Ketten
zerbrechen, die uns
von anderen Menschen
geschmiedet worden
sind. (Pearse)
Links: Bronzefigurine
eines keltischen
Speerwerfers, Rom,
3. Jh. v.d.Z.
(Staatliche Museen
preußischer Kulturbesitz,
Berlin)
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