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Diese geistig gerüsteten Männer fassen die Rolle des Intellektuellen nur handlungsbezo-
gen auf. Unbedingter Einsatz ist demnach selbstverständliche Pflicht, denn das tatenlose Denken ist bedeutungslos. Mazzini nennt eine der von ihm gegründeten Zeitschriften bezeichnenderweise: Denken und Handeln. Zum Handeln gehört zunächst die tägliche, bescheidene, unerläßliche Arbeit. Die Tätigkeit der ersten Zellen des ›Jungen Italien‹ im Marseiller Exil beschreibt Mazzini so:
 „Wir hatten keine Arbeitsräume, waren Tag und Nacht in Arbeit vertieft, schrieben Briefe und Artikel, fragten Reisende aus, brachten Matrosen zueinander, falteten Drucksachen, banden Ballen fest, kurz: geistige Tätigkeit und Hilfsarbeiten wechselten einander ab.“
Grundtvig, der die herrschende kommerzielle Gesellschaftsform mit so tiefem Haß ver-
folgt, weil sie es ist, die seine Landsleute verdorben hat, faßt den Intellektuellen aus-
schließlich als Kämpfer auf.
„Der Kampfgeist“, schreibt er, „ist mit dem Lebensgeist gleichbedeutend. Dort, wo kein Kampf ist, ist auch kein Leben.“ Pearse belehrt seine Schüler: „Ich werde die uralte Überzeugung entschlossen vertreten, daß es nichts Edleres als den Kampf gibt.“ In seinem Gedichtband Lieder vom Schlaf und Leiden drückt er die Wehmut des Dichters aus, der durch die harte Notwendigkeit der Tat um den stillen
Genuß der Schönheit gebracht wird. Er kommt aber zu dem Schluß, daß sich die Größe
des Opfers aus der Geduld und Empfindlichkeit des Betroffenen ergibt. Zwangsläufig tritt nämlich früher oder später der Zeitpunkt ein, wo man die Feder gegen das Gewehr tauschen muß, um sich nicht selbst zu belügen. Ganz Dichter und Soldat sein zu wollen heißt, sich persönlich in den Dienst seiner Ideen zu stellen. Mazzini trägt sich als erster
bei der Legion von Freiwilligen ein, die Garibaldi um sich sammelt. Auch Petöfi geht
diesen Weg. In einem Abschiedsgedicht schreibt er seiner Frau:
„Ich habe meine Laute gegen meinen Säbel getauscht I Dichter war ich, da bin ich nun Soldat.“ Im Feldlager kommt er noch dazu, einige Verse zu schreiben: „Ein Gedanke schmerzt mich: in einem Bett, zwischen Kopfkissen zu sterben / Gleich einer Blume langsam zu verwelken I Die
ein Wurm zu Tode befällt.“
Hierbei handelt es sich nicht um schöne rhetorische Formeln, die bei Spießbürgern Eindruck schinden sollen. Petöfi fallt 1849 mit der Waffe in der Hand im Kampf gegen die Russen. Er war 26 Jahre alt. Und der von den Engländern im Alter von 37 Jahren hingerichtete Pearse schreibt kurz vor seinem Tode: „Wenn die Iren nicht frei sind, dann deshalb, weil sie nicht verdienen frei zu sein. Es ist nicht vernünftig, darauf
zu warten, daß der Allmächtige die weltlichen Gesetze abschaffe, die uns einschränken. Nur Bewaffnete werden die Ketten zerbrechen, die uns von anderen bewaffneten Men-
schen geschmiedet worden sind.«
Alle diese Männer sind sich der beispielhaften Bedeu-
tung ihres Schicksals bewußt. Sie erfüllen es gerade deshalb mit Freude. Sie haben ein für allemal und bei vollem Verstand ihre Person der Sache geopfert, der sie dienen.
„Ich richte meinen Blick“, schreibt Pearse, „auf diesen Weg vor mir / Auf die Hand-
lung, die ich vollziehe, und den Tod, der mich erwartet.“
Und Mazzini: „Wir sind über-
zeugt, daß der Sache Italiens mehr durch unseren Tod geholfen wird als durch unser
Leben. Italien wird erst leben, wenn die Italiener zu sterben lernen.“
Alle ›Erwecker der Völker‹ haben ihre Treue zum Mythos der Unbedingtheit teuer bezahlt: Gefängnis, Exil, Einsamkeit, Elend und, am Ende des Weges, der Tod ― ein Tod, der scheinbar den Miß-
erfolg des Unternehmens kennzeichnet, dem sie sich mit Leib und Seele widmeten. (Wir sagen ›scheinbar‹, denn der ›Erfolg‹ des Überlebens aus Angst und Bequemlichkeit gibt
den Vielen, die ihn für sich verbuchen, höchstens das Recht der Zahl, die sich jederzeit berechnen läßt.) Am meisten prüft denn auch die Einsamkeit den Revolutionär. Von vielen ehemals Getreuen im Stich gelassen, bemerkt der im Exil lebende Mazzini:
„Ich spüre
jeden Tag mehr, wie mich die Öde und die Einsamkeit umgeben.“
Er wird vom Zweifel gequält. Sollte sein Leben letzten Endes nutzlos gewesen sein? Aber eines Tages
„erwachte ich endlich mit ruhiger Seele... Und der erste Gedanke, der mir kam, war dieser: das Leben ist eine Sendung. Jede andere Erklärung ist falsch.“
Mißgeschick härtet ab. Jahn zog aus dieser Erfahrung den Schluß, daß dem Menschen genug Unglück gewünscht werden sollte, damit er erfolgreich zu kämpfen lerne, genug Widerwärtigkeiten, damit er sie mit edelmütiger Kraft erdulde, genug Schmerzen, damit
er sich selbst durch und durch kennenleme. Die Schwierigkeiten stählen Menschen und Völker gleichermaßen.
„Ohne Geburtswehen kann kein Volk zum Leben gelangen.“
Alle diese Männer erfuhren die Unterdrückung am eigenen Leib und lernten, daß sich
im Leiden Entschlossenheit und Charakter festigen. Wer diese Schule des Lebens durch-
macht, steht für immer entweder gebrochen oder abgehärtet da. In seiner Schrift Glau-
ben und Zukunft macht Mazzini seine Anhänger mit ihrem Schicksal bekannt:
„Allein sein und nicht verzweifeln.“ Hartnäckigkeit, Willensstärke, Kompromißlosigkeit (der Kompro-
miß ist ja nur eine Kompromittierung) sind die Eigenschaften, die den Revolutionär prä-
gen. Und dafür sprach ihm Garibaldi seine Anerkennung aus:
,,Mazzini war der einsame Wächter des heiligen Feuers, er hielt allein Wache, während die anderen schliefen.“
Und was hinterließen uns die ›Volkserwecker‹, was ist die Frucht ihres Denkens und
Handelns? Sie hinterließen das Wesentliche, den Mythos. Zu einem Zeitpunkt, da der
irische Aufstand von 1916 bereits zum Scheitern verurteilt ist, äußert Pearse gegenüber seinen Gefährten:
„Die Ehre Irlands ist bereits wiederhergestellt.“ Auch Jahn weiß, daß die Idee des Volkstums in Deutschland nunmehr ihren Weg gehen wird. Entsprechend Mickiewicz: Indem er die Erinnerung seines Volkes wachruft, stellt er es gewissermaßen
auf den festen Boden einer inneren Landschaft, von dem aus alle äußeren Bewegungen
erst möglich werden. Sein Landsmann Bandrowski schrieb später über Mickiewicz Epos Pan Tadeüz (Herr Thaddäus, deutsch 1898):
„Es ist das Buch der polnischen Nation. Alles, was wir Polen über uns selbst wissen, alles, was wir nicht wissen, sondern vielmehr spüren als unseren eigenen Ausdruck, unseren Stil, unseren volkseigenen Trieb ― alles das ist in diesem Werk enthalten.“ Auch Grundtvig will das gemeinschaftliche Unbewußte seiner Landsleute erwecken: „Auf, meine Brüder, wir müssen handeln! / Gleich Vögeln, die dem Winter entgehen / Die Mythen leben in Thule wieder auf.“ Mazzini wiederum, der Rom
zu seiner alten Größe zurückführen will, weiß um den ewigen römischen Mythos und wirft seinen Gegnern herausfordernd entgegen:
„Die Steine Roms mögen euch für eine gewisse Zeit gehören, aber die Seele Roms, das sich in Rom regende Denken, ist allein unser ureigener Besitz.“ Die von diesen Denkern, diesen Volkserweckern des 19. Jahrhunderts erfüllte Pflicht müssen auch wir heute wahrnehmen, da unsere Berufung, unser wesentli-
cher Daseinsgrund der Kampf für die Sache der Völker ist. Wenn wir uns dabei (zur Be-
gründung unseres Handelns) auf die Theorie von Gramsci beziehen, so heißt dies, daß wir seine Auffassung von den ›organischen Intellektuellen‹ übernehmen und zu verkörpern suchen. Mit seiner Formel
„weist Gramsci den Intellektuellen eine ganz bestimmte Rolle zu. Er verlangt von ihnen, daß sie den Kulturkrieg gewinnen.“ Dieser Auffassung zufolge
ist die Aufgabe der Intellektuellen derjenigen einer Vorhut gleichzusetzen, die das revo-
lutionäre Bewußtsein der Arbeiterklasse wecken und dann lenken soll, indem sie eine Umwertung der herrschenden Begriffe herbeiführt, ein neues Wertsystem aufstellt, das
sich mittels der Kultur äußert. Diese Führungsrolle beanspruchen nunmehr wir ― mit dem Unterschied allerdings, daß wir den Begriff ›Arbeiterklasse‹ durch den der Volksgemein-
schaft ersetzen: eine Volksgemeinschaft, die heute umgestaltet werden muß, da ihre Grundlagen von der kommerziellen Ideologie untergraben und zerstört wurden. Weiß
doch diese Ideologie ganz genau, daß allein die gesunden Volksgemeinschaften ihre Weltherrschaftspläne und Gleichschaltungsabsichten ernsthaft gefährden können. (11)
Die heutige Aufgabe des organischen Intellektuellen, also unsere Aufgabe und Verpflich-
tung, ist meines Erachtens in den folgenden vier Leitsätzen umrissen:

1. Wir müssen von dem unmittelbaren politischen Tagesgeschehen Abstand nehmen.
Wir dürfen uns nicht in die Künstlichkeit der berufspolitischen Spiele verstricken lassen.
Wir weigern uns, in eine Wahlsituation hineingesteuert zu werden, die uns eine Entschei-
dung zwischen der Welt des Geschäfts und der christlich-marxistisch-humanitären Utopia aufzwingt.
2. Wir müssen ein Modell der Abkehr von der vorherrschenden Ideologie erarbeiten und in Umlauf bringen. Die gleichmacherische Ideenlehre ist ebenso in den Kreisen der
jetzigen liberalen Mehrheit wie unter den früheren sozialistischen Regierenden als trei-
bende Kraft zu verstehen. Liberalismus und Sozialdemokratie sind die beiden einander ergänzenden Seiten der gleichen wirtschaftsbetonten, auf reinen Nutzen ausgerichteten, materialistischen Weltanschauung, deren krankhafter Drang zur Verflachung den Men-
schen nurmehr als Quotient von Erzeugungs- und Verbrauchszahlen begreift. Unser Modell der Abkehr kann daher nur das Modell eines dritten Weges auf nationaler wie auf inter-
nationaler Ebene sein.
3. In der Welt des Tausches und der Täuschung müssen wir eine neue mythische Kraft schaffen, die als einzige dem Wirklichen seinen ihm gebührenden Rang zurückgeben kann. Vier Jahre später kam Regis Debray in seiner Critique de la raison politique zu dem gleichen Schluß, als er, in der Sprache Vilfredo Paretos, „die Wechselbeziehung zwischen der Lebenskraft der Meinungen und der Beständigkeit der Menschenaggregate“ unter-
strich. Er sagte, mit anderen Worten, den Bankrott jedes Gesellschaftssystems voraus,
das nicht durch eine mythische,ja eine rein religiöse Kraft unterstützt wäre.
„Woher kommt es,“ fragt Debray, „daß die Menschen sich nicht auf Grund einer klaren, nach-
vollziehbaren Idee vereinigen, sondern viel eher in der Begeisterung für irrationale Wesenszüge zueinander finden?“
Und er antwortet folgerichtig: „In diesem Sinne hat Politik tatsächlich weniger mit Logik denn mit Emotion zu tun, und die Kraft einer Idee entspringt in erster Linie ihrem lyrischen Vermögen.“ Uns gebührt es demnach, das poetische Gefühl des 21. Jahrhunderts wachzurufen. Ich weiß auch, daß diese tief innere Bewegung einen guten alten Namen hat: sie heißt Heidentum.
4. Der letzte Leitsatz für organische Intellektuelle ist die Einsatzbereitschaft: jene umfassende Verpflichtung, die allein eine enge, dauerhafte, anspornende Verbindung zwischen Denken und Handeln ermöglicht. „Ohne revolutionäre Theorie“, sagte Lenin, „gibt es keine revolutionäre Aktion“. Zugleich betonte er aber die unumgängliche Not-
wendigkeit für den Intellektuellen, sich tatkräftig und kämpferisch einzusetzen; mit
einem Ausspruch Goethes gesagt:
„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.“ Für uns ist der Intellektuelle nur im täglichen Einsatz, in der Tat ein wirklicher Kamerad, sonst verdient er nicht die Bezeichnung ›Intellektueller‹, sondern nur die eines Komödianten oder Schmarotzers.
Seit Jahren versuchen wir nun, diese vier Leitsätze zu verwirklichen. Wir versuchen, organische Intellektuelle zu sein, und wir werden, ohne Rücksicht auf die Umschwünge des berufspolitischen Tagesgeschehens, den von uns eingeschlagenen Weg unnachgiebig
weiter gehen. Ich weiß nicht, was uns die Zukunft bescheren wird. Ich weiß aber, daß wir in jedem Falle darauf stolz sein werden, ohne Bedenken, ohne Kompromiß, ohne Lossa-
gung gekämpft zu haben und damit einem uralten Leitspruch gefolgt zu sein:
„Tue, was
du sollst; mag kommen, was will!“
 
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Uns gebührt es demnach,
das poetische Gefühl
des 21. Jahrhunderts
wachzurufen.
Ich weiß auch,
daß diese
tiefinnere Bewegung
einen guten
alten Namen
hat:
sie heißt
Heidentum.
Links: Apollon auf seinem Wagen (Zeichnung von Giovanni Caselli)
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Dieser Artikel ist in Elemente der Metapolitik zur Neugeburt Europas, 2. Ausgabe, erschienen.