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Drei Monate nach dem Samhain-Fest, also am 1. Februar, fand das Imbolc-Fest statt, dessen Schutzpatronin vermutlich die Göttin Brigit war. Das Imbolc-Fest, aus dem das Christentum Lichtmeß gemacht hat, bildete die Mitte des Winters, und sowohl das Feuer
als auch das reinigende Wasser wurden dabel verehrt. Es war also ein Fest der Reinigung, und diese Bedeutung kommt noch heute im Lichtmeßfest zum Ausdruck. Wir wissen fast nichts über die einzelnen Elemente des Imbolc-Festes, denn die Christen haben alle heidnischen Zeugnisse vernichtet; vermutlich schuf ihnen die Göttin Brigit Probleme, die am 1. Februar gefeiert wurde und deren Züge noch in der Gestalt der Äbtissin Brigitte von Kildare zu erkennen sind. Davon abgesehen scheint das Imbolc-Fest weit weniger wichtig als das Samhain-Fest gewesen zu sein, denn es betraf weder die Kriegerklasse noch den König und wurde vermutlich in wesentlich engerem Rahmen gefeiert.

Bedeutsamer als das Imbolc-Fest war dagegen das am 1. Mai gefeierte Beltaine-Fest, das den zweiten Höhepunkt des keltischen Festjahres darstellt. Der Name Beltaine bedeutet Feuer des Bel und evoziert die Vorstellung von Wärme und Licht. Weil dieses Fest das
Ende des Winters und den Beginn des Sommers bezeichnet, ist es nicht nur besonders
reich an Feuerritualen, sondern hebt auch die sakrale Bedeutung der keimenden
Vegetation hervor. In einer Viehzüchter Gesellschaft, wie sie bei den Kelten und vor allem bei den Iren bestand, ist der Zeitpunkt, an dem die Herden auf die Weiden getrieben werden, der wichtigste Monat des ganzen Jahres. Die
Fiana des Königs Finn verbrachten gewöhnlich die sechs Wintermonate in den Häusern der Iren, die unter ihrem Schutz standen, aber vom 1. Mai an zogen sie wie Nomaden kreuz und quer durch Irland. Auch die mythischen Invasionen Irlands fanden am Beltaine-Fest statt, das offensichtlich den Anbruch von Licht und Leben sowie den Eintritt in das helle Reich des Tages darstellte, während das Samhain-Fest die beginnende Herrschaft der Nacht, die ›schwarzen Monate‹, wie man noch heute in der Bretagne sagt, ankündigte. Wie das Beltaine-Ritual im
einzelnen aussah, wissen wir nicht mehr. Gewiß war es ein Fest der Priester, so daß die Druiden darin vermutlich die Hauptrolle spielten. Mit Sicherheit gab es Zeremonien,
Spiele, Versammlungen und Festgelage. Der noch heute lebendige Brauch, Zweige in
Felder und Gärten zu stecken oder auf Scheunen zu befestigen, ist wahrscheinlich ein ferner Nachklang des Beltaine-Rituals. Bei diesem Fest sollen auch die sogenannten Johannisfeuer abgebrannt worden sein. Der irische König genoß das Vorrecht, das Feuer
als erster anzuzünden, und jeder, der das vor ihm zu tun wagte, soll zum Tode verurteilt worden sein. Auch nach dem Untergang des Druidentums ist der 1. Mai ein volkstümliches Fest geblieben, an dem sicher nicht zufällig die menschliche Tätigkeit, die Arbeit, gefeiert wird. In den germanischen Ländern ist die Nacht des Beltaine-Festes als Walpurgisnacht bekannt; in ihr versammeln sich alle Hexenmeister und Hexen, und das bedeutet nichts anderes, als daß diese Nacht früher der Priesterklasse gehörte. Denn die Druiden haben zwar ihre Funktion als Priester, Philosophen und Rechtsgelehrte verloren, aber im Gedächtnis des Volkes leben sie in Gestalt von Hexenmeistern immer noch weiter. Die wichtige Rolle der Priesterklasse beim Beltaine-Fest läßt sich noch heute in den vielen Beschwörungs-ritualen erkennen, die sich im Brauchtum des 1. Mai erhalten haben; gemeint sind die Segnungen der Tiere und Ställe, das Treiben der Herden durch Feuer oder Glut, die magische Reinigung der Stallungen sowie die verschiedenen magischen Formeln, durch die die Herden vor Krankheiten oder wilden Tieren beschützt werden sollen.
 Während das Samhain-Fest sozusagen in den ›Schlaf‹ versetzt, gibt das Beltaine-Fest
das Zeichen zum Wiedererwachen. Während der Wintermonate ist das Feuer zwar unsichtbar unter Steinen und Holz versteckt, aber seine Energie besteht weiter, sie ist potentiell vorhanden. Am Beltaine-Fest erwacht diese Energie wieder zu neuem Leben, es tritt also eine wahrhaftige ›Epiphanie‹ ein. Die Feuer, die auf dem Hügel von Tara auflodern, und die der irische König unter dem Schutz der Druiden angezündet hat, waren keineswegs nur ein Symbol, sondern sie waren auch der Beweis dafür, daß sich im Kreislauf der Tage und Jahreszeiten aus dem Tod neues Leben entwickeln konnte.

Lugnasad, das vierte keltische Fest, wurde am 1. August gefelert. Nach der Überlie-
ferung soll dieses
Fest des Lug von dem Gott selbst in Tailtiu ins Leben gerufen worden sein, und zwar zur Erinnerung an seine Ziehmutter, die Göttin Tailtiu, die das mütterliche Irland verkörpert. Während des Festes wurden verschiedene Spiele veranstaltet, wozu sich alle Teile der Gemeinschaft versammelten. Lugnasad war offenbar vor allem das Fest des Königs, denn der König überwachte die Pferderennen und die Wettkämpfe der Poeten; allerdings gab es weder Kampfspiele noch Todes-Rituale. Es heißt, daß die königliche Kraft zu diesem Zeitpunkt am größten ist, und diese wird auch für die nun einsetzende
Erntezeit gebraucht. Vergessen wir nicht, daß dieses Fest unter der Schutzherrschaft einer Mutter-Göttin steht, die gestorben ist, um das Wohlergehen ihrer zahIreichen Kinder zu sichern. lm Lauf der Christianisierung ist das Lugnasad-Fest untergegangen, aber es lebt noch teilweise in anderen Festen weiter, die ebenfalls religiöse Gepräge haben, wie das Erntedankfest oder der Flurumgang. Alles in allem ist der Sommer jedoch nicht die
richtige Jahreszeit für lange Festlichkeiten und ausgedehnte Gelage, denn man muß in dieser Periode des Jahres hart arbeiten, um die Grundlage dafür zu schaffen, daß die kommenden ›schwarzen Monate‹ gut überstanden werden konnten.


Die mythologischen Erzählungen schildern in epischer Breite zahIreiche Rituale, die in den ältesten Zeilten wie Dramen erlebt wurden. In jedem Theaterstück findet man Spuren von etwas Sakralem. Jede Theateraufführung zeigt eine Handlung, deren Strukturen von dem Mythos geprägt sind, den sie verkörpert und plastisch vor Augen führt. So enthält die griechische Tragödie Elemente von wesentlich älteren religiösen Ritualen ― wie etwa den Begriff des Opfers ―, und auch im Spott der Komödie lassen sich kultische Urmuster erkennen. Das gilt für Tragödie und Komödie auf der ganzen Welt. Aber wenn die Bedeutung des Rituals in einer Religion schwindet (etwa weil seine Aussagekraft schwächer wird oder weil die Religion selbst untergeht), dann wird aus der dramatischen Darstellung entweder etwas rein Profanes, oder sie überlebt in irgendeiner epischen Erzählform.
Das geschah bei den Kelten. Als die Druiden-Religion nicht mehr praktiziert wurde, sah man in ihrem Kult, von dem man kaum noch etwas wußte, nur noch das kuriose Über-
bleibsel längst vergangener Zeiten oder den Aberglauben der Vorfahren. Die Rituale wurden nicht mehr gelebt, sondern nur noch erzählt oder verstümmelt weitergegeben, und diese ›Geschichten‹ ließen sich problemlos in die alten mythischen Erzählungen einbauen. Auf diese Weise sind sowohl die heroischen als auch die mythischen Epen größtenteils entstanden.
Wenn man den Kult des Druidentums in seinen Grundzügen erfaßt, müssen die mythi-
schen Erzählungen also mit größter Aufmerksamkeit betrachtet werden. Geschichtliche Zeugnisse dafür sind selten, und auch der Beitrag der Archäologie ist hier gleich Null. Natürlich darf man nicht alles wörtlich nehmen, das gilt vor allem für die gnadenlosen Kriege, die phantastischen Kämpfe und Menschenopfer.
Die meisten Erzählungen sind nämlich erst später von Menschen zusammengestellt, aufgeschrieben und häufig verändert worden, da sie die Bedeutung und den Vorrang des Christentums möglichst stark hervorheben wollten. Dennoch stellen die irischen und walisischen Erzählungen sowie die Artussagen in ihrer überlieferten Form wichtige Zeugnisse der Vergangenheit dar. Unsere Aufgabe ist es, sie kritisch zu untersuchen und
mit Geschichte und Archäologie zu vergleichen.

(Aus: Jean Markale, Die Druiden, 1985)
 
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