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Der Druide. Stellung und Tätigkeit
(F. Le Roux & C.-J. Guyonvarc’h)
Über die Existenz der Druiden in der Antike berichten schon griechische und römische Autoren. Die bekanntesten und wichtigsten unter ihnen sind wohl Titus-Livius, Caesar, Strabo und Diodorus von Sizilien, zwischen dem 1. Jahrhundert vor und nach der Zeitwende. Ein einziger historischer Druide aus dem Stamm der Eduens, bezeugt durch Caesar ca. 58 v.d.Z., ist uns aber bekannt. Das Wesentliche, was wir über die druidischen Tradition wissen, befindet sich in den irischen mittelalterlichen Manuskripten, welche zwischen dem XII. und XVI. Jh. verfaßt wurden. Im Kapitel VI,13 in seiner Erzählung Der gallische Krieg hat Caesar die Stellung der Druiden in der Gesellschaft am treffendsten gekennzeichnet. Nach ihm besteht die gallische Gesellschaft aus zwei Gesellschafts-
schichten, die verehrt werden: die Druiden, die Caesar laut der keltischen Bezeichnung (
druis) so nennt und die Ritter (equites).
Die übrigen Menschen haben, laut Caesar, keinen Wert. Dies aber ist die Sicht eines Römers der Herrenschicht, selbst gewohnt an die Trennung  zwischen Patrizier und Plebeier. Tatsächlich handelt es sich aber um die spezifische indoeuropäische Dreiteilung der Gesellschaft, die man am klarsten in den indischen Gesetzen von Manu findet:

 
Brahman = Lehrstand        Kshatriya = Wehrstand        Vaishya = Nährstand

In Gallien und in Irland ist das Schema dasselbe :

druides ― druid  = Priesterschicht       
equites ― flaith  = Kriegerschicht  
plebes ― aes dána (wörtlich : die Kunstleute) = produzierende Schicht

Dies beweist eine sehr alte gemeinsame Herkunft. Selbst die Bezeichnung Druide ist seit Gallien aus der Caesarenzeit (1. Jh. v.d.Z.) bis in das mittelalterliche Irland des XV. Jh. unverändert geblieben. Fälschlich verglichen mit dem griechischem Wort für Eiche, besteht das Wort Druid aus zwei Vorsilben, do- und ro- und aus einer Wurzel -uid, die die Weisheit, das Wissen bezeichnet und in allen heutigen keltischen Sprachen immer noch Homonym für Holz ist. Etymologisch gesehen ist der Druide der ›sehr Gelehrte‹.

Nach Meinung der Religionshistoriker lassen sich die keltischen Druiden mit den indischen Brahmanen und den römischen flamines vergleichen. Bekanntlich kann niemand Brahmane werden, der nicht aus der Brahmanen-Kaste stammt ― das ist eine natürliche Folge der hinduistischen Glaubenslehre über den Kreislauf der Reinkarnation ―, und die römischen Flammes bildeten ein Kollegium, dem nur derjenige angehören konnte, der hineingewählt wurde. Die Druiden dagegen stellten keine geschlossene Klasse dar: jeder konnte Druide werden, ob Mitglied einer Königsfamilie, ob Krieger, Künstler, Hirte, Bauer oder Sklave; jedem, der lange und eingehende Studien hinter sich gebracht hatte, stand der Zugang zu dieser Klasse offen. Zusammenfassend Iäßt sich also sagen: Druide wurde man sowohl durch Berufung als auch durch eine ganz bestimmte Ausbildung.

(Aus: Jean Markale, Die Druiden, 1985)
             

Alle Nachrichten über die Bedeutung der keltischen Priesterklasse, sowohl aus der Antike als aus dem Mittelalter, sind ähnlich. Der Druide ist Priester: er beschäftigt sich mit allen religiösen Dingen, seien es Opfer, Riten, oder ähnliches. Der Druide ist Jurist : er ›spricht Recht‹ und er ist es, der das Strafmaß, die Höhe des Schadenersatzes und die Geldbuße festsetzt. Er ist verantwortlich für die gesamte Rechtsprechung und deren Verfahren. Aber der König, Inhaber der irdischen Macht, spricht die Strafe aus. Diese Rechtsprechung darf aber nicht mit formalen, rein bürokratischen Verfahren verglichen werden. Die Erfahrung der ›Alten‹ ist dabei wichtiger als das Gesetz allein aussagt. Der Druide ist Lehrer: in Gallien wie in Irland lehrt der Druide mündlich meist in Form von Gedichten, wobei die Ausbildung 20 Jahre dauern kann und alle Bereiche des Wissens umschließt. Dies hier sind die großen Besonderheiten, worüber Caesar berichtet. Die späteren griechischen Autoren wie Strabo oder Diodorus von Sizilien beschreiben eher, wenn auch manchmal unpräzis,
die innere Struktur der Priesterklasse. Unwesentliche Unterschiede außer Acht gelassen, sind sie in Gallien und in Irland gleich. In Gallien besteht die Priesterklasse aus drei Arten von Druiden: die
Philosophen-Theologen, die ›vates‹- Hellseher und die Barden-Dichter. In Irland sind die ›Fächer‹ noch verschiedenartiger und zahlreicher: der ›vate‹ oder Hellseher (gallisch vatis) trägt die Bezeichnung faith. Die Bezeichnung für den Barden ist ähnlich wie in Gallien: gallisch bardos, irisch bard (siehe wälisch bardd, bretonisch barzh). Der Barde ist aber durch den file oder Dichter überlagert worden. Etymologisch gesehen ist der Barde ein Gelehrter und der file ein Hellseher, der der ogamischen Schrift mächtig ist.

Alle anderen Ämter sind mehr oder weniger Verzweigerungen aus dem file-Dichter:

liaig oder Arzt, Fachmann der drei Medizinarten: beschwörend oder magisch, blutig oder chirurgisch, pflanzlich und der Heilkräuter kundig;
cruitire oder Harfner, Fachmann der drei keltischen Musikrichtungen, diejenige, die einschlafen läßt, diejenige, die das Lachen verursacht und diejenige, die weinen läßt oder manchmal gar zum Tod führt;
deogbaire oder Mundschenk: er ist für die Verteilung der vergorenen Getränke, Bier oder Met, bei den königlichen Feierlichkeiten, verantwortlich;
sencha oder Historiker: seine Haupttätigkeit besteht in der Weitergabe des Wissens,
über die Genealogie des Königs und alle Ereignisse, die die Dynastie betreffen;
scelaige oder Erzähler: das ist derjenige, der an den langen Winterabenden dem König und seinem Hof eine aus der irischen Mythologie ausgewählte Geschichte erzählt;
brithen oder Jurist: er ›spricht Recht‹ während der Prozesse. Der König fällt das Urteil, basierend auf den Ergebnissen des Juristen;
dorsaid oder Haushofmeister: ihm kommt es zu, den König über die Identitäten aller Besucher zu informieren;
muccido oder Schweinehirt: er bewacht die Schweine oder die Wildschweinherde,
heilige Tiere und Symbole der höchsten Priesterschaft;
faith oder Hellseher: das ist derjenige, der Träume oder bedeutende Zeichen für die Zukunft des Königs und sein Reich interpretiert.

Die Druiden sind zwar keine Beamten aber doch Fachleute, die den König mit ihrem Rat zu regieren verhelfen. Wenn der König nicht verpflichtet ist, den Ratschlägen der Druiden zu folgen, ist der Druide verpflichtet, seinen Rat dem König zu erteilen. So sind der Druide und der König gegenseitig verbunden, einerseits durch die spirituelle Macht des Druiden, andererseits durch die irdische Macht des Königs. Und so finden die Macht des Druiden und die Macht des Königs ihr Gleichgewicht. Ohne den König, der die Druiden hoch entlohnt, wäre der Druide sinnlos und ohne die Hilfe des Druiden wäre der König wiederum nicht in der Lage, korrekt zu regieren, da die geistige Autorität des Druiden höher steht als die irdische Macht des Königs.
Diese Besonderheit der keltischen Gesellschaftsorganisation und dieses politisches System war auch die Ursache des raschen Verschwindens des Druidismus innerhalb des romanisierten Galliens. Die Abwesenheit von Königen und die Übernahme des religiösen
und politischen Systems der Römer innerhalb Galliens hat zweifellos die Weiterführung der keltischen Traditionen verhindert, die eben jegliche Vereinigung zwischen spiritueller und irdischer Macht rigoros stoppte.
Ein König kann nicht Druide werden und umgekehrt. Der Druide besitzt dennoch das Recht, wenn er es für nötig hält, Waffen zu tragen und Krieg zu führen, wie es in Irland öfter als sonst wo der Fall war.

(Nach: F.Le Roux & C.-J. Guyonvarc’h, Les Druides et le Druidisme, 1995)


Feierliches Mistelschneiden

Für die Druiden gab es nichts Heiligeres, als die Mistel und den Baum, der sie trug, die Heilige Eiche. Kein Fest wurde ohne einen Zweig dieses Baumes gefeiert, und man nahm an, daß alles, was auf diesem Baum wächst, vom Himmel gesandt wurde. Die Mistel, ›die alles heilt‹ wurde nach einer rituellen Opfervorbereitung mit einer goldenen Sichel geschnitten. Man führte zwei weiße Stiere unter den Baum, und der weiß gekleidete
Druide kletterte auf die Eiche und warf die geschnittene Mistel auf ein weißes Tuch. Schließlich brachte man ein Opfer dar in der Hoffnung, die Gottheit gnädig zu stimmen, da man glaubte, ein Getränk mit einer Mistel verleihe Mensch und Tier Fruchtbarkeit und Widerstand gegen jegliches Gift.

(Quelle: Plinius d. Ä., Naturgeschichte)
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