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Verbote, Zaubersprüche, Symbole, Die andere Welt
(F. Le Roux & C.-J. Guyonvarc’h)
Die ›Geis‹

Im Alltag der keltischen Gesellschaft hat der Druide eine erhebliche soziale und politische Rolle gespielt, auch wenn diese Rolle hauptsächlich religiöser Art war. Über die Zere-
monien hinaus, ist der Druide Hellseher und Magier. Er bedient sich außerdem zahlreicher Methoden, um Krieger und Könige zu zwingen, seine Entscheidungen zu achten. Vor allem herrscht er über die vier Elemente: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Er ist in der Lage, die Erde zu beherrschen, einen Fluß oder einen See verschwinden zu lassen, einen Feuerregen zu provozieren oder gar dem Wind zu befehlen. Sein Hauptmittel aber ist die geis, Befehl, Verbot und Verpflichtung in einem. Wehe demjenigen der eine
geis nicht beachtet: meistens stirbt er.
Es reicht, daß der Druide eine Beschwörung ausspricht, gesungen oder einfach psalmo-
diert, und die Realität beugt sich vor den Ereignissen, die der Druide vorausgesehen hat. Außerdem hat diese Parole, manchmal auch dieser Schrei, tödliche Konsequenzen für die betreffende Person. Das ist der
glám dichinn, der höchste Schrei, die grausamste aller Beschwörungen. Der Druide, der sie rezitierte, nahm die archaische und magische Haltung an ›mit einem Bein, einer Hand, einem Auge‹. Drohung oder Verordnung, gelegentlich traf dies sogar den König aufgrund seiner schlechten Regierungsgeschäfte, seines Geizes oder einer Unehrenhaftigkeit wegen.


Die Vorhersage

Eine ausführliche Liste der magischen Praktiken des Druiden aufzustellen, ist leider nicht mehr möglich, da St. Patrick, (selbst ein Druide) und seine Nachfolger alles, was nicht im Sinne des Evangeliums war, zerstörten oder verschwinden ließen. Nur einige Überreste sind geblieben, wie z. B. der tarbfes, ein Stierfestmahl anläßlich der Wahl eines Königs. Der Name des zu wählenden König wurde während des magischen Schlafes dem Druiden offenbart.
Eine andere politische Waffe des Druiden ist die Vorhersage, die der Druide oder die Wahrsagerin zum Nutzen des Königs praktiziert haben. Die bánfile Fedelm sagte z. B. der Königin Medb das traurige Schicksal der irischen Armee im Krieg gegen König Ulster voraus. Aber ein Druide hatte vorher der Königin versichert, daß sie dennoch heil aus diesem Krieg zurückkehren würde.


Die heiligen Symbole: Die Männer der Eichen

Die Kelten, die die Verarbeitung des Holzes und der Metalle meisterhaft beherrsch-
ten, haben Steine in der Architektur und für ihre Skulpturen niemals verwendet, und schon gar nicht Inschriften in sie gemeißelt. Die Megalithen sind weder Symbole noch Denkmäler der Kelten.
Der Urbaum der Kelten ist kein spezifischer, meist aber ist es eine Eibe. Sehr häufig dient die Eiche als Symbolbaum, deren gallischer Name dem des Druiden derwydd ähnelt. Die Druiden waren die ›Männer der Eichen‹. In allen keltischen Sprachen ähnelt die Bezeichnung für die Wissenschaft dem Wort für das Holz (siehe bretonisch gwez für Baum und gouiziek für Gelehrter), und das Holz gilt als Symbol für das  ›Wissen‹.
Die anderen wichtigen Bäume oder Pflanzen der keltischen Traditionen sind die Eber-
esche, die Haselnuß,
die alle der Magie dienen, und deren Früchte Wissen verleihen; so ist der Apfelbaum der Baum der Anderen Welt und seine Früchte gewähren demjenigen, der sie verzehrt, das ewige Leben; die Eibe dient gleichzeitig der Magie und der Herstellung von Waffen (Schild, Speer), wie auch Birke und Weißdorn magische Bedeutung haben.


Die heiligen Tieren

Die heiligen Tiere teilen diese Symbolik: das Fleisch vom
Schwein und Wildschwein werden zu Samhain verzehrt. Das Wildschwein dient außerdem als Symbol für die Priesterklasse
der Druiden. Sein Verzehr verleiht das ewige Leben. Die anderen heilige Tiere sind der
Schwan und die Ente, Botschafter der Götter, die die Musik der Anderen Welt singen. Der Wolf dagegen, heiliges Tier bei den anderen Indoeuropäern, hat kaum eine Spur bei den Kelten hintergelassen. Seine Name ist sogar in der keltischen Sprachen in Vergessenheit geraten. Im Gegensatz zu den Griechen, schätzen die Kelten den Hund. Bär und Stier stehen ebenso in symbolischer Beziehung zum König, wie das Pferd.


Die andere Welt

Die
Andere Welt ist gleichzeitig die Welt der Götter und der Toten. In der klassischen irischen Tradition ist sie nach Westen ausgerichtet, jenseits des Meeres und nur mit dem Schiff erreichbar. Sie trägt eine auffallende Bezeichnung: síd. Etymologisch: Friede. Das Wort bezeichnet in Irland auch die Wohnorte der Götter unter Hügeln oder Seen.
Der síd liegt fast immer in den zahlreichen Inseln, da wo die Auserwählten ein paradi-
sisches Leben führen, umgeben von jungen und wunderschönen Frauen. Es gibt keine
Zeit, weder Krankheiten noch Tod oder unvollkommene Dinge. Die Festmahlzeiten sind unbeschreibbar schön und ewig. Von Zeit zu Zeit holt eine Frau aus der Anderen Welt,
eine sog.
banshee, einen glücklichen Sterblichen, immer einen hochrangigen Mann, einen berühmten Krieger oder Königsohn, und verspricht ihm eine nicht endende Glückseligkeit.
Da dieses Andere Land eben die Vollkommenheit selbst ist, bedarf es keiner Regierung mehr. Es gibt dort keine Druiden und auch keine wie auch immer geartete Führungs-schicht. Die wenigen Menschen, die aus dem síd zurückkehren, haben dies nur aus übergroßer Sehnsucht nach Irland getan. Ihre Rückkehr bedeutet aber eine Abkehr von der Ewigkeit, und sobald sie die Erde berühren, verfallen sie zu Staub oder werden in Greise verwandelt, die niemand wiedererkennt.
Die Thematik der Anderen Welt, seit dem V. Jh. christianisiert, findet man in den immrama oder den sog. Reisen von Mönchen oder Heiligen auf der Suche vom neuen Para-
dies. Die Christianisierung aber hat diese mythologische Reise verfälscht, indem sie etliche Teufel, bizarre Inseln und andere exotische Abenteuer hinein verpflanzt hat, die nichts mehr keltisches besitzen und dennoch weit entfernt sind von der klassischen Vorstellung des christlichen Paradieses.

(Nach: F.Le Roux & C.-J. Guyonvarc’h, Les Druides et le Druidisme, 1995)
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