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Zwischen -700 und –630 erlebte Sparta ein friedlicheres Gedeihen, zu welchem allerdings die Aussaugung der messenischen Bauern dorischen Stammes durch die spartanischen Eroberer beitrug. Das fruchtbare Land im eroberten Messenien war an Spartiatensöhne verteilt worden, die dort große Güter anlegten. In diesem friedli-cheren Zeitabschnitt blühten in Sparta die Künste, der Tempelbau erhielt seine dorische Prägung, die Bildhauerei schuf strenge Gestaltungsgesetze, die Dichtung
trat besonders in der Chorlyrik hervor, deren Sprachform auch außerhalb des Gebietes dorischer Mundarten dorisch blieb. Die gottesdienstlichen Feste wurden feierlich ausgestaltet, besonders die Verehrung von Apollon und Artemis, echt dorischen Gottheiten und zugleich echt nordischen Gottheiten. Es war ein Zeitalter der Ruhe und eines würdigen Wohlstands der beiden freien Schichten.
Mit dem Zweiten Messenischen Kriege (etwa –640 bis –612), änderte sich das ganze spartanische Leben. Straffe Anspannung und große Opfer wurden gefordert. Das
Spartiatentum raffte sich zu dem harten Adelskriegertum zusammnen, als das es in die Geschichte eingegangen ist, zu einer Kriegerkaste unter strengen Lagergesetzen.  Vom 6. Jh. v.d.Z. ab wurde Sparta nach außen friedlich, bedacht auf Erhaltung bestehender Zustände, nach innen das Lager eines kleinen, aber dauernd in Waffen stehenden Heeres. es richtete sich zu einer einseitig kriegerischen Starrheit auf.
Das adelsbäuerliche Empfinden der Spartiaten ließ den Geldverkehr nicht zu und versuchte die Naturalwirtschaft beizubehalten. Sparta ist hierdurch den geldwirt-
schaftlichen Nachbarstaaten gegenüber schwerfällig geworden und zu seinem Schaden öfters auch in seiner Machtanwendung gehemmt worden.
Das Spartiatentum wurde aus einer Herrenschicht von kriegerischen Landbesitzern ein Männerbund von Berufskriegern in Dauerbereitschaft. In solchem Männerbunde lag Spartas Größe und Verhängnis, Spartas Macht und Erstarrung beschlossen (siehe besonders Hans Lüdemann). Mit diesem Männerbunde wurde in Sparta schließlich die Familie erstickt und damit das Leben selbst. Der Vorgang der Erstarrung wird gegen Ende des 5. Jh. v.d.Z. abgeschlossen, als das Ephorentum über das Doppelkönigtum siegte und das große, aber lastende Adelsgesetz sich durchsetzte gegen die weit-
herzigeren und ausgreifenden Gedanken einzelner hervorragender Männer. Seit –550 macht sich in Sparta die geistige Abtötung fühlbar. Die Spartiaten leiteten als die Nachkommen indogermanischer Adelsbauern ihre unveräußerlichen Erbgüter schließlich nicht mehr als bäuerlich tätige Herren, sondern als Grundbesitzer, welche die Arbeit ihrer Heiloten überwachten,  von deren Ertrag sie in Sparta lebten und ihre schwere Rüstung bezahlten. Gutswirtschaft und Waffenübungen allein waren eines Spartiaten würdig ― ganz in der Weise, wie es auch italischem, germanischem und persischem Wesen entsprach, bei diesen Völkern jedoch so, daß nicht das Leben selbst erstickte.
Wie es in Rom ursprünglich zwischen Patriziern indogermanischer Herkunft und
Plebejern vorindogermanischer Herkunft kein Eherecht,
concubium, gab, so nicht zwischen Spartiaten und Heiloten. Es konnte zwischen diesen Schichten nur lose Verbindungen geben. Kinder von spartiatischen Erzeugern und nichtspartiatischen Müttern hießen mothakes oder mothones. Ein solcher Mothax wurde zwar ein freier, nicht aber ein erbberechtigter Bürger; er hatte kein Anrecht auf ein Erbgut und konnte daher auch nicht ›echte Erben‹ hinterlassen, um es mit einem germanischen Rechtsausdruck, jedoch nach allgemein-indogermanischer Auffassung, zu bezeichnen. Nur in den seltenen Fällen besonderen kriegerischen Verdienstes konnten nach Durchlaufen der strengen spartiatischen Erziehung aus solchen Mischlingen Vollbürger werden. Auch aus dieser Durchbrechung des ursprünglichen Grundsatzes der Ab-
stammung, Ebenburt und Vollberechtigung ― nämlich der ehelichen Herkunft von freien Eltern indogermanischer Art ― läßt sich schließen, daß das Spartiatentum aus einer reinblütigen Adelsbauernschaft mit sinnvollen rassischen Anschauungen schon eine Standesschicht mit minder sinnvoller Anschauung der Siebung und Auslese geworden war: spartiatische Erziehung wurde schließlich höher gewertet als die Herkunft von spartanischen Eltern, Ebenburt wurde nach Standesgrundsätzen bestimmt und nicht mehr allein nach der Siebung und Auslese der Anlagen bei ehelicher Zeugung. Der Erziehung, also einer Umwelteinwirkung, wurde aus Standesbewußtsein eine Macht zugeschrieben, die nur in Anlagen gesucht werden durfte. Solche Wandlung vom Artgemäßen zum Standesgemäßen konnte sich durchsetzen, weil in der perioikischen und heilotischen Schicht, besonders in der heilotischen Schicht Messeniens, ein nordischer Einschlag das Auftauchen von Männern außerehelicher Zeugung zwischen den Schichten ermöglicht hatte, die den Spartiaten gleichwertig erscheinen konnten und kraftvoll genug, eine spartiatische Erziehung auszuhalten, das Auftauchen von Männern, die auch in leiblichen Zügen dem Spartiatentum gleichkamen. Ein völliges Übersehen der Anlagen und der Vererbung war die Aufnahme kraftvoller Mischlinge (mothakes) doch nicht, weil die spartiatische Erziehung wie die patrizisch-latinische und wie die Ämterlaufbahn
(cursus honorum) in Rom gewirkt haben muß.
In Sparta sollte die Erziehung siebend wirken, durch sie sollte erwiesen werden, ob ein Jüngling der spartiatischen Schicht leiblich und seelisch so beschaffen sei, wie es nach seiner Abstammung erwartet wurde. So wurden Fünfkampf und Lauf geübt, so wurde die Urteilskraft erprobt und geübt, die kurze Rede und Antwort, die Wort-
kargheit bei sicher treffendem Ausdruck, die spartanische Brachylogie. Die List wurde
geübt, die Kriegslist gelehrt, auf welche die kleine Minderheit ›inmitten vieler Feinde‹ angewiesen war. Die Krypteia sollte auch zur Übung der Jugend im Überfall dienen. Hatten die Spartaner mit den Waffen gesiegt, so opferten sie einen Hahn, hatten sie durch List gesiegt, so einen Ochsen. Dieses Lob der List bedeutet keinen Mangel an Kampfgeist und Tüchtigkeit; es war aber auch entstanden aus der Angst vor Verlusten der Herrenschicht, einer Angst, die Sparta oft beklemmt hat.
Bei solcher siebenden Erziehung wuchs in Sparta (siehe Ulrich Wilcken) eine Auslese stahlharter Edelleute (kaloi k’agathoi) heran, die trotz der Unterlegenheit
an Zahl bis zu den Perserkriegen das ganze Hellas anzuführen und gegen den Feind auszurichten befähigt war.
„Ohne Sparta würde Griechenland zur Beute der Perser geworden sein.“ (M.P. Nilsson) ◊         
 
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