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Da wurde der tapfere Diomedes von Freude ergriffen, und indem er seine Lanze in die fruchtbare Erde pflanzte, wandte er sich mit diesen Worten voller Freundschaft an seinen noblen Gegner: „In Wahrheit, du bist ein Patron des Hauses meines Vaters, und unsere Bande sind sehr alt... Bei deinem Vater und meinem, laß uns von nun an Freunde sein.“ So sprach Diomedes.

Auf dies hin sprangen die beiden Krieger von ihren Streitwagen, ergriffen ihre Hände und willigten ein, Freunde zu sein (VI, 229). Homer ehrt verwurzelte Individualität, nicht „Individualismus“, welcher dessen Perversion ist. Mit dem
Respekt vor dem Gegner, trotz unerbittlichen Kampfes, sind sie Grundlagen unserer Tradition. Man findet Spuren davon in der modernen Ilias, Ernst Jüngers In Stahlgewittern. Diese starken Wurzeln dominieren die europäische Psyche: Tragödie und Philosophie. Sie sind in die Kunst eingraviert, beginnend
mit den griechischen Skulpturen; sie erhalten Gesetz und Institutionen aufrecht.

Homer erstellt keine Konzepte, wie es die Philosophen später taten. Er macht sichtbar; er zeigt lebende Beispiele, die die Qualitäten lehren, die einen Mann „kalos k’agathos“ machen, nobel und verdienstvoll. „Sei immer der Beste,“ sagte Peleus seinem Sohn Achilles, „besser als die anderen“ (Ilias, VI, 208). Edel und tapfer zu sein für einen Mann, und sanftmütig, liebevoll und treu für eine Frau. Der Poet hinterließ eine Übersicht dessen, was die Griechen hernach der Nachwelt boten: Natur als Vorbild, das Streben nach Schönheit, die kreative Kraft, die immer nach dem Übertreffen strebt, Exzellenz als das Ideal des Lebens.

Die Ilias, das Epos vom Schicksal

Die Ilias ist nicht bloß ein Epos über den Trojanischen Krieg; es ist ein Epos
über das Schicksal, wie es von unseren boreanischen Vorfahren wahrgenommen wurde, ob sie nun Griechen, Kelten, Germanen, Slawen oder Lateiner waren [5]. Der Poet erzählt vom Edelmut angesichts der Heimsuchung des Krieges. Er erzählt vom Mut der Helden, die töten und sterben. Er erzählt vom Opfer der Verteidiger des Vaterlandes, der Trauer der Frauen, dem Abschied eines Vaters von seinem Sohn, der auszieht, der Niedergeschlagenheit der alten Männer.
Er erzählt von vielen weiteren Dingen: vom Ehrgeiz der Führer, von ihrer Eitelkeit, ihren Streitigkeiten. Er erzählt auch von ihrer Tapferkeit und Feigheit, ihrer Freundschaft, ihrer Liebe und Zärtlichkeit. Er erzählt vom Durst nach Ruhm, der Männer auf das Niveau von Göttern erhebt. Dieses Gedicht, in dem der Tod regiert, erzählt von der Liebe zum Leben und von Ehre, die höher gestellt wird als das Leben, der sie noch mehr verbunden waren als den Göttern.

In 16.000 Versen in 24 Büchern berichtet der Poet von einer kurzen Episode am Ende der zehnjährigen Belagerung von Troja, wahrscheinlich im 13. Jahrhundert v. Chr. Troja, auch Ilion genannt (daher Ilias), war eine mächtige befestigte Stadt, die am Eingang der Dardanellen auf der asiatischen Seite des Hellespontus erbaut war, der dauerhaften Grenze zwischen Ost und West. Wie moderne Historiker bezweifelten Herodot und Thukydides nicht die Realität der Ereignisse, die den Rahmen für die Ilias lieferten. Die Trojaner waren Boreaner (Europäer), von derselben Rasse wie ihre griechischen Gegner, die Achäer „mit dem blonden Haar“, auch Argiver genannt (aus der Argolis stammend) oder Danaer (Nachkommen des mythischen Danaos). Trotz dieses geringen Unterschieds werden die Trojaner mit Asien assoziiert, und nicht nur aus geographischen Gründen. Ihre Armee enthielt Kontingente von Barbaren (Ausländern aus Sicht der griechischen Welt), was durch archäologische Entdeckungen ihrer Beziehungen mit dem sehr diversen Hethiterreich im
20. Jahrhundert bestätigt wurde.

Der Tradition zufolge hatte der Konflikt einen mythischen Ursprung: die Intervention der Götter, die sich auf die beiden Lager aufteilten. Aus Rache gab Aphrodite (Venus für die Lateiner) dem Paris, dem jungen Prinzen von Troja, Sohn des alten Priamos, die Macht, Helena zu entführen, die schönste aller Frauen, die bereits mit dem „blondhaarigen Menelaos“ verheiratet war, einem Achäer, dem König von Sparta. Die Entführung einer königlichen Gemahlin
durch einen Ausländer war ein Verbrechen, das alle Achäer schockierte. Bei ihrer Hochzeit hatten all die Herren Griechenlands geschworen, die Vereinigung von Menelaos und der schrecklich verführerischen Helena zu respektieren. Daher versammelte sich eine Armee in Aulis mit ihren schnellen Schiffen, wie die zukünftigen Wikingerschiffe, und brach zu den asiatischen Küsten Trojas auf. Sie zogen aus, um die Trojaner zu bestrafen und Helena zurückzubringen. So begann der Krieg: „Die ganze Erde, weit und breit, blitzte vom Glanz der Bronze...“

Anmerkungen:

[1] François Julien, Interview mit Thierry Marchaisse, Penser d’un dehors (la Chine). Entretiens d’Extrême-Occident, November 2000, S. 47. Der Philosoph und Sinologe François Julien ist Professor der Universität von Paris-7. Er ist Mitglied der Academie Française und Direktor des Instituts für zeitgenössisches Denken. Um die authentische Natur des europäischen Denkens zu entdecken, verglich er es mit etwas völlig Verschiedenem, dem von China, das sich in autonomer Weise entwickelt hatte, ohne irgendeine Verbindung zu den
indoeuropäischen Sprachen.

[2] Jacqueline de Romilly, Homère (Que Sais-je?), (Paris: PUF, 1985)

[3] Die Ausstellung der BNF wurde von einem exzellenten Katalog begleitet, der von Seuil herausgegeben und von ihren drei Organisatoren, Olivier Estiez, Mathilde Jamain und Patrick Morantin produziert wurde.

[4] Keine französische Übersetzung ist wirklich zufriedenstellend. [Anm. d. Ü.: die hier folgenden Empfehlungen französischer Übersetzungen lasse ich weg; wer sich wirklich dafür interessiert, sei an den von Greg Johnson übersetzten englischen Artikel verwiesen].

[5] Der Neologismus ›boreanisch‹ hat einen umfassenderen Sinn als
›indo-europäisch‹, das eine linguistische Kategorie ist, Er bezieht sich auf den griechischen Mythos der hyperboreischen Herkunft. Die grundlegenden Epen bergen auch den ersten Ausdruck historischen Denkens. Am Beginn von Der Peloponnesische Krieg bezieht sich Thukydides auf die Ilias, um in groben Zügen die alte Geschichte der Griechen darzustellen, womit er anerkennt, daß Homer die Fundamente legte. Aber dieses Verdienst wurde selten von anderen anerkannt. Inspiriert von den Göttern und der Dichtung, die ein und dasselbe sind, hinterließ uns Homer die verborgene Quelle unserer Tradition, den griechischen Ausdruck des gesamten indoeuropäischen Erbes, keltisch, slawisch oder skandinavisch, mit einer Klarheit und formalen Perfektion ohnegleichen. Dies ist der Grund, warum Georges Dumézil jedes Jahr die gesamte Ilias las.
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