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Der Stoizismus und Patriotismus von Hektor

Achilles ist die Inkarnation der Jugend (er ist noch keine 30). Er ist auch die Inkarnation der Kraft. Es ist die strahlende und ungezähmte Kraft, der sich alles unterwirft. Eine Kraft, die der Leidenschaft unterliegt. Achilles beherrscht nichts, er erleidet alles, Briseis, Agamemnon, Patroklos, Hektor. Die Umstände setzen einen Sturm nach dem anderen in ihm frei. Alles in ihm trotzt dem Tod. Er denkt nie an ihn, wenngleich er weiß, daß er nahe ist. Er liebt das Leben genug, um die Intensität der Dauer vorzuziehen. Seltsames Schicksal! Seine Liebe zum Ruhm, seine Ungeduld und sein Zorn halten ihn während der ersten 18 Bücher des Epos von der Schlacht fern, bis zu dem Punkt, daß er die Seinen gefährdet. Um die Armee zu retten, braucht er sich nur zu erheben, wie Odysseus ihm sagt: „Erhebe dich und rette die Armee...“

Aufgeweckt durch den Tod von Patroklos erhebt sich die Kraft: „Achilles erhob sich... Eine große Helligkeit strahlte von seinem Kopf zum Himmel, und er schritt zum Rand des Grabens. Aufrecht stehend ließ er dort einen Schrei los, und diese Stimme verursachte einen unaussprechlichen Tumult unter den Trojanern“ (Buch XVIII).

Homer sympathisiert stillschweigend mit Hektor. Dieses Epos der Achäer behandelt deren Hauptfeind somit als Vorbild. Gibt es irgendein Äquivalent zu diesem Edelmut in unseren Nationalepen oder den heiligen Büchern des Nahen oder Fernen Ostens? Auch wenn er so tapfer ist wie Achilles, ist Hektors Mut nicht blind. Er ist die Inkarnation des stoischen Mutes. Er ist nicht immun gegen die Furcht. Aber er besiegt sie. Auch wenn er weiß, daß alles verloren ist, kämpft er bis an die Grenze seiner Ausdauer.

Hektor ist auch die Inkarnation des Patriotismus. Für ihn verschmilzt Ehre mit Pflicht. Er ist bereit zu sterben, nicht für seinen eigenen Ruhm, sondern für
sein Land, seine Ehefrau und sein Kind. Er wird sie entgegen aller Hoffnung verteidigen, denn er weiß, daß Troja verloren ist.

Nichts ist körperlicher als Hektors Liebe zu seinem Vaterland, dessen konkrete Abbilder seine Frau und sein Sohn sind. Er verbirgt nicht seine Angst um Andromache, bevor er sie verläßt, um in die Schlacht zu ziehen:

„Ich weiß, daß der Tag kommen wird, an dem das heilige Troja untergehen wird, und Priamos, und das Volk von Priamos. Aber weder das zukünftige Unglück der Trojaner, noch das meiner Mutter, oder des Königs Priamos und meiner mutigen Brüder, quält mich so sehr, wie daß ein bronzegepanzerter Achäer dir die Freiheit nimmt und dich in Tränen hinwegführt... Möge die schwere Erde mich im Tod zu sich fordern, bevor ich dich weinen höre, bevor ich sehe, wie du von hier fortgerissen wirst...“ (Buch VI, 447-65)

Mit diesen Worten streckt er die Arme nach seinem Sohn aus. Aber das Kind bricht in Tränen aus, erschreckt vom glänzenden Helm seines Vaters. Lachend nimmt Hektor seinen Helm ab und reicht das Kind Andromache, die ihn „mit Lachen unter Tränen“ in ihre Arme nimmt. Hier leuchtet Homers poetisches Genie hervor. Hektor korrigiert taktvoll seine dunklen Vorhersagen: „Weine nicht“, sagt er zu Andromache, „niemand kann mich vor der dafür bestimmten Stunde unter die Erde schicken.“

Im Moment zuvor hatte Andromache Hektor angefleht, nicht zu gehen. Sie tut es nicht mehr. Sie versteht, daß er ihre Freiheit und ihre gegenseitige Zuneigung verteidigt. In dieser letzten Konversation zweier Ehegatten gibt es etwas, das einzigartig in der ganzen antiken Literatur ist: eine perfekte Gleichheit in der Liebe. Man hört nie auf, den unvergleichlichen Reichtum der Ilias zu entdecken, die mit den Vorbereitungen für Hektors Bestattung schließt. Der Tod von Achilles und das „Trojanische Pferd“ werden erst in der Odyssee kurz beschworen (Bücher XI und VIII).
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