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Das Schicksal gebietet sowohl Göttern als auch Menschen

Homers Helden sind jedoch keine Vorbilder an Perfektion. Sie neigen proportional zu ihrer Vitalität zu Fehlern und Exzessen. Sie zahlen den Preis, aber sie unterliegen niemals einer transzendenten Justiz, die nach einem dem Leben fremden Kodex definierte Sünden bestraft. Weder die Vergnügungen der Sinne noch der Gewalt, noch die Freuden der Sexualität werden mit dem Bösen gleichgesetzt.

Im Buch III der Ilias (161-175) wird die zu schöne Helena vom alten König Priamos auf die Mauern Trojas gebeten, um ihr die beiden Armeen zu zeigen, denn es ist gerade ein Waffenstillstand geschlossen worden. Helena, der durchaus bewußt ist, daß sie der unfreiwillige Kriegsgrund ist, stöhnt und sagt, daß sie lieber tot wäre. Priamos antwortet daraufhin mit einer Freundlichkeit, die uns bis heute überrascht: „Nein, meine Tochter, du bist keiner Sache schuldig. Es sind die Götter, die für all das verantwortlich sind!“ Welche Feinfühligkeit und hohe Gesinnung von dem alten König, dessen Söhne alle getötet werden sollten. Aber was für eine großzügige Weisheit auch, die menschliche Wesen vom Schuldbewußtsein befreit, das so oft andere Glaubensrichtungen überwältigt.

Indem er Priamos diese Worte in den Mund legt, sagt Homer nicht, daß Menschen niemals verantwortlich sind für die Unglücke, die sie treffen. Er zeigt anderswo, wie sehr Eitelkeit, Verlangen, Zorn, Torheit und andere Mängel Unheil verursachen können. Aber im spezifischen Fall dieses Krieges, wie in vielen Kriegen, betont er, daß alles sich dem Willen der Menschen entzieht. Es sind die Götter, das Schicksal oder die Bestimmung, die entscheiden.

Die Geschichte lehrt uns, wie einsichtsvoll diese Interpretation ist. Wie kann man nicht von dieser Weisheit betroffen sein, wenn so viele Religionen behaupten, daß menschliche Wesen und ihre angeblichen Sünden die Ursachen all der Katastrophen sind, deren Opfer sie sind, einschließlich Erdbeben? [1]

Aber die Worte von Priamos haben noch eine weitläufigere Bedeutung. Sie legen nahe, daß im Leben des Menschen viele seiner eingebildeten Fehler in Wirklichkeit vom Schicksal verursacht werden. Diese Distanz hinsichtlich der Mysterien der Existenzen, dieser Respekt für andere sind Konstanten in den Homerischen Epen. Dies zeigt das sehr hohe Niveau an Anstand und Weisheit der Welt, die Homer beschreibt, im Vergleich zu welcher die unsere oft barbarisch erscheint.

Homer vermachte uns somit, in ihrer unverfälschten Reinheit, unsere Vorbilder und Prinzipien des Lebens: Natur als Grundlage, Exzellenz als Ziel, Schönheit als Horizont, den gegenseitigen Respekt von Mann und Frau. Der Poet erinnert uns daran, daß wir nicht erst gestern geboren wurden. Er restauriert die Grundlagen unserer Identität, den überrragenden Ausdruck eines ethischen und ästhetischen Erbes, das „unser“ ist, das er treuhänderisch innehatte. Und die Prinzipien, die er in seinen Beispielen zum Leben erweckte, hören nie auf, unter uns wieder zum Vorschein zu kommen, ein Beweis dafür, daß der verborgene Faden unserer Tradition nicht zerrissen werden konnte.

Anmerkung:

[1] Man denkt an die berühmten Interpretationen der Tsunami-Wellen, die Lissabon 1755 zerstörten, inspiriert von dem, was die Bibel von Sodom und Gomorrha sagt, die, wie es heißt, wegen der Sittenlosigkeit ihrer Bewohner zerstört wurden...
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