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Religion der Bauern

Göttliche Kräfte wohnen sowohl den Dingen inne als auch den Menschen: beim Mann heißt diese Kraft
Genius (Fähigkeit zu erzeugen), bei der Frau luno (die jugendliche Kraft). Im Haus gilt dem Genius des pater familias besondere Ehre: die Sklaven schwören bei ihm und weihen ihm Gaben, an seinem Geburtstag erhält er eine Spende.
Im Mittelpunkt des Hauses steht der Herd: er ist der Vesta heilig. Die Penaten (Di Penates) schützen die Vorratskammer (penus), während die Laren (Lares) für das ganze Gut zuständig sind. Ihr Hauptfest waren die Compitalia; an den Wegekreuzun-
gen (
compita) standen Kapellen mit so vielen Öffnungen, wie Grundstücke anein-
anderstießen; vor diesen brachten alle Anwohner, wenn die Arbeit auf dem Feld beendet war, ein Opfer dar. In der Nacht vor dem Fest wurden Bilder (
effigies), der Anzahl der freien Hausbewohner entsprechend, und Wollbälle, der Anzahl der Sklaven entsprechend, an den Kapellen aufgehängt – ein Ritus, der vermutlich der Reinigung diente.
Zahlreiche Riten umgeben die zentralen Ereignisse des menschlichen Lebens: Ge-
burt, Hochzeit und Tod. Zur Abwehr von Unheil gehen nach der Geburt drei Männer aus dem Haus, bearbeiten die Schwelle mit Beil und Mörserkeule und fegen sie anschließend ab. Die über der Geburt waltenden Mächte der
Parcae und der Genita Mana werden später völlig verdrängt durch Iuno Lucina, der man bis zum Tag der Reinigung und Namensgebung (dies lustricus) ein Lager (lectus) bereitet.
Hochzeitsriten vollzieht man, um einerseits die Ehe vor Unfruchtbarkeit zu schüt-
zen und andererseits den Übergang der Braut von den Geistern des einen zu denen des anderen Hauses zu sichern. Bei der
confarreatio, der feierlichsten Form der Eheschließung, sitzen Braut und Bräutigam auf zwei Stühlen, die durch das Fell eines geopferten Schafes verbunden sind; Gemeinschaft zwischen den beiden soll auch das Teilen des Speltkuchens (farreum libum) herstellen, wonach diese Form der Hochzeit benannt ist.
Den Toten der Familie (divi parentum) feiert man vom 13. bis zum 21. Februar das Fest der Parentalia; die Tempel bleiben geschlossen und Handlungen, die günstiger Vorbedeutungen bedürfen, unterbleiben. An den Gräbern bringt man Brot, Salz, Wein und Kränze dar. Die Totengeister, die man sich als auf der Erde herumschwebend vorstellt, gelten als freundlich gegen ihre Nachfahren; nur Vergehen gegen die Ord-
nung der Familie erregen ihren Zorn.
Dagegen sucht man sich am Fest der Lemuria (9., 11. und 13. Mai) gegen Geister (Lemures) zu schützen, die die Wohnstätten der Menschen aufsuchen. Der pater familias verweist sie des Hauses, nachdem er ihnen mit abgewandtem Gesicht schwarze Bohnen hingeworfen hat, unter der Erklärung, daß er dadurch sich und seine Familie loskaufe. In der Kaiserzeit werden die Toten als Manes bezeichnet, wobei es sich um einen Kollektivnamen handelt für die ununterscheidbare Menge
der Totengeister.
Ist ein Familienmitglied gestorben, so drücken sich die ambivalenten Empfindun-
gen der Überlebenden in entgegengesetzten Riten aus: gleich nach dem Tod ruft man den Toten mit Namen, zum Beweis dafür, wie gern man ihn dabehalten hätte, um
ihn anschließend, die Füße gegen die Tür gerichtet, so aufzubahren, daß seine Rück-
kehr unmöglich wird. Rituelle Klagen (
neniae), von gemieteten Frauen (praeficae) vorgesprochen, dienen seiner Versöhnung. Die meisten Riten gelten der Entsühnung: einerseits der der Erde, die den Toten aufnimmt, andererseits der des Hauses, in
dem er aufgebahrt war. Alle Toten mußten außerhalb der Stadtgrenze, des
Pome-
rium
, bestattet werden. Am Grab selbst wurde u. a. ein Schwein dargebracht. Erst nach Ablauf von zehn Tagen, innerhalb deren keine Arbeiten verrichtet werden durften, ist das Grab Eigentum des Toten und damit ein locus religiosus, dessen Beeinträchtigung Sühne erfordert.
Dem bäuerlichen Rhythmus von Aussaat und Ernte folgend, vollzieht man zahlrei-
che Riten zum Schutz der Felder und zum Segen der Ernte. Die am 23. Februar gefeierten
Terminalia gelten den Grenzsteinen (termini) der einzelnen Höfe: in eine zuvor ausgehobene Grube schüttet man das Blut eines Opfertieres, Früchte, Wein, Honig und die Asche des Opfers, um anschließend den bekränzten und gesalbten Stein einzusetzen.
Beim Fest der Dea Dia, aus dem vermutlich die Ambarvalien des Staatskultes, ein feierlicher Flurumgang zu Ehren des Mars, hervorgegangen sind, werden kurz vor der Ernte die Laren als Schützer der Feldmark sowie die Semones, die Kräfte der Saat, um Hilfe angerufen; im Gegensatz zu ihnen soll Mars, ursprünglich eine wilde und feindliche Macht, außerhalb von Hof und Siedlung ›satt‹ sein, also fernbleiben.
Die Auguren (augures ist abgeleitet von augere = mehren), später die Deuter der Vogelzeichen, haben zunächst die Aufgabe, die Kraft der Erde sowie den Wasser-
reichtum der Flüsse zu mehren.
Der Tellus (Erde) gelten die Fordicidia am 15. April, ein Fest, bei dem trächtige Kühe geopfert werden, um die Kraft der Erde, ihrerseits Frucht zu tragen, zu stei-
gern.
Ceres, der Wachstumskraft des Getreides, feiert man die Cerealia am 19.
April: die dabei veranstaltete Fuchshatz, wobei man den Füchsen Fackeln an die Schwänze gebunden hat, läßt sich am ehesten als rituelle Fortscheuchung der Sonnenglut verstehen. Am 25. April folgen die
Robigalia, um das Getreide vor Rost (robigo) zu schützen.
Gemeinsam erhalten Tellus und Ceres bei der Aussaat, den Feriae Sementivae,
eine Sau und Spelt. Auch vor der Ernte wird
Ceres eine Sau (porca praecidanea) dar-
gebracht. Das geerntete Getreide, das in Gruben unter der Erde aufbewahrt wird, steht unter der Obhut des
Consus, dem die Consualia am 21. August (nach dem Aus-
dreschen) und 15. Dezember (nach der Aussaat) gefeiert werden.
Eigene Riten gelten dem Weinbau. Am 19. August feiert man in den Weinbergen
die
Vinalia rustica zum Schutz gegen schädliche Witterungseinflüsse. Das Fest gilt Jupiter als dem Herrn des Wetters. Am 11. Oktober finden die Meditrinalia statt,
ein gemeinsames Kelterfest der Gemeinde; diese begeht, ebenfalls zu Ehren
Jupi-
ters
, am 23. April, wenn der neue Wein in die Stadt gebracht wird, die Vinalia
priora
, wo man erstmals von dem neuen Wein kostet.
Große Aufmerksamkeit galt auch dem Kult der Quellen, deren Kraft man zu ver-
stärken suchte, indem man Blumen und Kränze, später auch Geldstücke, hineinwarf; im Staatskult wurde dieser Brauch in den
Fontinalia am 13. Oktober fortgesetzt. Überhaupt wurden in Rom zahlreiche Quellen verehrt; luturna, die Quelle auf dem Forum, besaß sogar einen Tempel auf dem Marsfeld. Darüber hinaus vollzog man Riten, mit deren Hilfe man in Zeiten der Dürre Regen zu erwirken suchte.
Herr über das Wetter ist Jupiter, dessen Kultstätten ursprünglich auf Anhöhen lagen (luppiter Viminus, luppiter Caelius). Auch das Kapitol ist ein solcher Ort eines alten Jupiterkultes.
Einmal im Jahr bringt der Bauer im Wald Mars, dem Herrn des Draußen, und Silva-
nus
 ein Opfer aus Spelt, Speck, Fleisch und Wein dar zum Schutz des Viehs. Neben Silvanus wird auch Faunus als Schützer des Viehs verehrt.
Die Lupercalia (15. Februar) waren ursprünglich ein Hirtenfest mit magischem Ri-
tus, der die Herden vor Wölfen schützen sollte:
Luperci (Wolfsabwehrer) laufen, nur mit einem Schurz aus Ziegenfell bekleidet, um den Palatin, die älteste Siedlung, und erzeugen mit Riemen aus dem Fell geopferter Ziegen knallenden Lärm: die Wölfe sollen so verscheucht werden. In späterer Zeit schlagen die Luperci die entgegen-
kommenden Frauen, um sie fruchtbar zu machen.
Ein Hirtenfest waren auch die Parilien (21. April), zur Reinigung von jeglichem Unheil zu der Zeit gefeiert, wo man die Herden sich begatten läßt: die Ställe werden ausgefegt, bekränzt, besprengt und mit Schwefel ausgeräuchert; zuletzt springt man über angezündetes Stroh und treibt auch die Herden darüber.

(Aus: Armin Müller (Hg.), Die Welt der Römer, Münster 1999, von uns zusammengefaßt)
 
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