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Theodiceen waren für die Indogermanen nicht erforderlich, weil über den Göttern das unerbittliche Schicksal (Vergilius: inexorabile fatum) stand. Im Christentum versuchten aber immer wieder Pantheismus und Mystik sich gegen die Kirchenlehren vom allmächtigen, allwissenden, vorherbestimmenden und doch allgütigen Schöpfer durchzusetzen. Die Kirchen antworteten mit Verdammung bis zur Verbrennung (z. B. die Gnosis, Origenes, Scotus Eriugena, Hugo von St. Victor, Amalrich von Bena, David von Dinant, Meister Eckhart, Nicolaus von Kues, Sebastian Franck, Miguel Servedo (Servet), Valentin Weigel, Jakob Böhme, Angelus Silesius, Fénélon, Herder, Fichte, Schelling, Schleiermacher, Shelley, Tegnér, Kuno Fischer und andere).
So wird die arteigene Frömmigkeit des Indogermanen, wenn sie sich selbst frei entfalten darf, sich immer nur in solcher Glaubensform regen, wie die Religions-
wissenschaft sie als ›natürliche Religion‹ bezeichnet hat. Damit ist aber gesagt, daß indogermanische Frömmigkeit im Abendlande auch immer wieder mißdeutet und verkannt werden wird, denn die Anschauung ist weit verbreitet, daß da um so mehr Glauben, um so mehr Frömmigkeit zu finden sei, wo Menschen sich auf ›übernatür-
liche‹ Werte bezogen fühlen. In weit innigerem Sinne, als die Bezeichnung ›natürli-
che Religion‹: sie sind die dem rechtschaffenden Menschen nordischen Wesens natürlich-angemessene Haltung aus verehrendem Gemüt und heldischer Kraft des Denkens. Kraftvolles ungebundenes Denken und sich einordnende Verehrung der Gottheit bestärken und vertiefen hier einander. Je reichhaltiger hier der Mensch wird, je vollkommener in seiner Menschlichkeit, desto frömmer wird er zugleich.
Kein Drängen zu Gott ist hier möglich, keine Verkrampfung des gläubigen Gemütes, keine Verstiegenheit der Glaubenspflichten, keine Angst, der Gottheit nicht genug zu tun; Freiheit und Würde und die Fassung des Edlen auch in der tiefen Erschütterung machen hier gerade die Kennzeichen der reinsten Frömmigkeit aus; ja, man kann geradezu sagen, daß indogermanische Frömmigkeit und Sittlichkeit, die nicht den
Geboten und Verboten eines Strafe androhenden und Lohn verheißenden Gottes entspricht, von der Würde des Menschen, der humanitas, ausgeht, von einer
dignitas als Kennzeichen des Großgesinnten und Wohlgeborenen, nach Ciceros Worten von einem fortis animus et magnus, der das Ehrenhafte (honestrum) will.
 
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Die indogermanische Frömmigkeit wurzelt nicht in irgendeiner Furcht, weder in Furcht vor der Gottheit
noch in Furcht vor dem Tode.
Oben: Goya: Franz von Borgia am Sterbebett eines Unbußfertigen.
Gegenüber den meistgepriesenen ›Werken‹ gegenwärtiger ›Kunst‹ mutet es wie eine verklingende Sage an, daß Friedrich Schiller, ein Spätgeborener des Germanen-
tums wie Marcus Tullius Cicero eines des Italikertums, solche
humanitas und dignitas
vor allem von den Künstlern gefordert hat:

„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben.
Bewahret Sie!
Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich heben!“

Die Sittlichkeit der Menschenwürde wird nicht um eines jenseitigen Lohnes willen erstrebt, sondern um ihrer selbst willen: nihil praeter id quod honestum sit propter se esse expetendum. So hat Cicero die römische Frömmigkeit und Sittlichkeit begrif-
fen (
de officiis I, 72/73, 94/95, 106, 130; III, 23/24, 33; Tusculanae disputationes
V,
1), die beide aus alt-italischem und damit indogermanischem Wesen stammen.
Darum sind solche Zielsetzungen wie die der hellenischen
kalok’agathía (Schöntüch-
tigkeit) und die der römischen
humanitas ― so wie humanitas im Zeitalter der römi-
schen Adelsrepublik gefaßt wurde, nämlich als eine Aufgabe, als ein zu erfüllendes Vorbild der ›Vollmenschlichkeit‹, als ›menschliche Ganzheit‹ oder als ›Edelingsart‹ ― darum sind diese Zielsetzungen heldischer Vollendung gerade kennzeichnende Aus-
drücke indogermanischer Frömmigkeit, die immer Verehrung ist aus einem gefaßten heldischen Gemüt.
Es ließe sich aber zeigen und sollte einmal bis in Einzelheiten nachgewiesen wer-
den, daß in Europa und Nordamerika die edelsten Menschen, männliche wie weib-
liche, auch wenn sie sich mit den ihrem Wesen entsprechenden ehrlichen Worten zu einem ihnen überlieferten Kirchenglauben bekannten, in den entscheidenden Stun-
den ihres Lebens nach Gesinnungen und Handlungen der Frömmigkeit und Sittlichkeit des Indogermanentums angehört haben.

Zwischen Indien und Germanien, zwischen Island und Benares, wo Buddha zu lehren begonnen hat, und nur bei diesen Völkern indogermanischer Sprache sind die großen Gedanken alle gedacht und ist die Frömmigkeit gelebt worden, welche die höchsten Erhebungen des mündig gewordenen menschlichen Geistes bedeuten. Als Goethe im Januar 1804 im Gespräch mit dem Philologen Riemer, seinem Mitarbeiter, aussprach, er finde es „merkwürdig, daß das ganze Christentum nicht einen Sophokles hervor-
gebracht habe“,
hatte er wieder die ihm bekannten Religionen miteinander vergli-
chen. Er hatte aber auch mit Sicherheit als Künder einer indogermanischen Religion den Dichter Sophokles gewählt, also den
„Typus des frommen Atheners… in seiner höchsten, geistigsten Form“, einen Dichter zugleich, der noch eine Volksfrömmigkeit vertrat, bevor diese, als auch in Athen das Volk (demos) zu einer Masse (ochlos) verkommen war, einerseits zu flacher Aufklärung, andererseits durch Einsicht und Begeisterung vereinzelter Formen des Pantheismus und der Mystik geworden war.
― Wo aber außerhalb des Indogermanentums hat je ein Frommer gelebt von der Seelengröße des Atheners Sophokles? Wo außerhalb des Indogermanentums sind Religionen entstanden, die solche Seelengröße mit solcher Gedankentiefe verbunden haben und solche hohe Vernunft (
logos, ratio) mit solcher weiten Schau (theoría)? Wo außerhalb des Indogermanentums haben Fromme in solcher geistigen Höhe gelebt wie Spitama Zarathustra, wie die Lehrer der Upanischaden, wie Homer, wie Buddha und noch wie Lucretius Carus, Wilhelm von Humboldt und Shelley? Goethe hat gewünscht, Homers Gesänge möchten uns zur Bibel geworden sein. Seit Lessing und Winckelmann, seit Heinrich Voß, dem Homerübersetzer, hatte sich in Deutschland ― aber noch vor Entdeckung der seelischen Höhe und geistigen Kraft des vorchristlichen Germanentums ― die indogermanische Geisteswelt erneuert, eine Geisteswelt, die durch unsere großen Dichter und Denker um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert vollendet geworden ist.

(Aus: Hans F. K. Günther: Frömmigkeit indoeuropäischer Herkunft, Pähl 1963)
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