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Links: Anthony Kenny Mitte: Louis Rougier
Philosophie der Religion

Eine Stärke des Christentums ist seine theologisch-philosophische Systematik. Nach den operativen Grundregeln gilt es also, diese Stärke zu untergraben. Unter dem Einfluß des Mißerfolgs des Vatikanischen Konzils, der Machtzunahme des
›Opus Dei‹ und der Anleitung der letzten Päpste vollzog sich eine faktische Rückkehr zum Fundamentalismus. Dazu dient eine Wiederbelebung des Thomismus als philoso-
phische Deutung und Apologetik des Christentums.
Es gibt bereits gutes Material zur Kritik des Thomismus bei Louis Rougier und Anthony Kenny, aber es reicht nicht aus. Kenny wollte seine Kritik moderat halten und Rougier hatte sich zu sehr an manche Annahmen des Wiener Kreises angelehnt, die heute problematisch geworden sind. Offene Frage: Ist eine interne Kritik des Thomismus möglich, die keine Voraussetzungen macht und trotzdem vernichtend ausfällt? Dies ist eine Frage, die mit geeigneten Personen und sparsamen Mitteln gelöst werden kann.


Kommunitarismus

Im Kommunitarismus besitzen wir eine potentielle Stärke, die es auszubauen gilt.
Das Werk von Alasdair McIntyre
After Virtue hat in Deutschland kaum eine gebüh-
rende Rezeption erfahren, und er ist im sogenannten  ›nationalen Lager‹ praktisch unbekannt.
McIntyre macht ein dramatisches Gedankenexperiment: nach einer ungeheuren Katastrophe rottet die Menschheit die Naturwissenschaft aus; Bücherverbrennungen und Massaker an Akademikern vervollständigen die Zerstörung. Aber die Zeit vergeht, andere Generationen wollen das alte Wissen anhand von unzusammenhängenden Bruchstücken wiedergewinnen: Kinder lernen Fragmente mit Logarithmen auswendig, Teile der Tabelle des periodischen Systems; alle verehren physikalische Geräte, deren Zweck niemand kennt, wie Reliquien. Die Erwachsenen diskutieren über die wahre Bedeutung von rätselhaften Termini wie Elektron, Masse und Phlogiston.
Laut McIntyre ist dies tatsächlich, was mit den Moraltheorien ab der Neuzeit passiert ist. Sein Werk ist somit eine Kritik der Moderne in einem Ausmaß, das eines Evolas würdig wäre, aber frei von Esoterik und Spekulation; der Individualismus
samt seiner analytischen Philosophie gilt als der Feind.
Die offene Frage ist, was an diesem Werk Gültigkeit für eine politische Theorie besitzt und was wackelig und übertrieben ist. Soweit ich weiß, hat sich bis jetzt noch niemand im alternativen Milieu der Aufgabe ernsthaft angenommen.
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Links: Helmut Diwald 
Wirtschaftskritik

Das bestehende System leitet seine Kompetenz aus der Wirtschaft ab, was zugleich die Achillesferse aller Rivalen darstellt. Wirtschaft ist zugleich unsere Schwäche und die Stärke des Gegners (+ vgl. oben: Grundregeln). Man diskutiert relativ oft über alternative Wirtschaftssysteme, z. B. die Freiwirtschaft von Silvio Gesell oder eine (nicht näher erörterte) raumorientierte Wirtschaft. Es fehlt jedoch ein radikalerer Ansatz, eine Prüfung der Grundlagen, etwas, was wir − in Anlehnung an Kant − als
Kritik der wirtschaftlichen Vernunft bezeichnen dürften. Denn welchen Status hat die Wirtschaftslehre als Wissen? Ja, viel Mathematik steckt üblicherweise darin, aber das reicht zur Wissenschaftlichkeit nicht aus.
Hier nur ein Wink, um die Richtung der Untersuchung anzudeuten. Wenn jemand sagt, schwarze Katzen sind schwarz, sagt er etwas absolut Wahres, aber auch absolut Uninformatives (trivial analytisch, tautologisch). Sagt er dagegen, schwarze Katzen bringen Unglück, ist seine Aussage nicht mehr trivial (sie ist synthetisch), aber nur eine empirische Überprüfung kann über ihren Wahrheitswert entscheiden.
Nun nehme man Grundgesetze der Wirtschaft, etwa das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Je nachdem, welche Formulierung man wählt, besagt es, daß in einem freien Markt der echte Preis einer Ware (bei gleichbleibendem Angebot) mit der Nachfrage steigt. Ist diese Aussage das Ergebnis einer empirischen Untersuchung? Oder ist sie eine analytische Aussage? (12)
Kurz: Was ist der epistemische Status der Grundgesetze der Wirtschaft? Hier kön-
nen wir nicht auf Anhieb sagen, welche Fragen bereits gelöst sind. Und doch hängt eine fundierte Arbeit über alternative Wirtschaftssysteme davon ab, daß wir uns darüber Klarheit verschaffen. Vielleicht ist in diesem Fall das Forschungsrisiko zu groß, und man sollte am besten die Frage durch eine verwandte aber bescheidenere ersetzen.


Gegenchronologie

Eine Stärke des herrschenden Weltbildes ist seine Standardgeschichte. Gibt es da einiges zu erschüttern? Hellmut Diwald bemerkte, daß sich in der Historie Chronolo-
gie und Methodologie entgegensetzen: Wir haben feste Daten über die Gegenwart und daraus erschließen wir die Vergangenheit mit Hilfe mehrerer Vermutungen. So schrieb er 1978 eine Geschichte der Deutschen, wo die Darstellungsweise chrono-
logisch invertiert war.1996 erschien das Werk von Heribert Illig Das erfundene Mittelalter. Hier war die Gegenchronologie Sache des Inhalts, nicht der Darstellungs-
form. Illig vertrat die erstaunliche These, in unserer Zeitrechnung seien fast drei Jahrhundert zu viel eingebaut, vermutlich zwischen 600 und 900. Die konventionellen Historiker konnten nichts widerlegen, da Illig nicht nur auf die dokumentarische Lücke verwies, sondern auch ein astronomisches Argument aus der gregorianischen Kalenderreform 1582 anführte sowie andere bemerkenswerte Betrachtungen aus Architektur, Literatur und Numismatik. Auch wenn Illigs astronomische Erwägungen entkräftet werden könnten, bleiben genug Rätsel.
Kurz darauf ging Uwe Topper in Die Große Aktion (1998) viel weiter und stellte die klassische Antike in Frage. Dabei bildete er eine Parallele zur russischen Antichrono-
logie,(13) nur daß sein Hauptbezug Figuren wie Jean Hardouin (1646–1729),(14) Robert Baldauf und Wilhelm Kammeier waren. Toppers Ergebnisse sind überzogen, und oft entsteht der Verdacht, daß er Hauptwerke, wie die Schriften von Hardouin, nur aus zweiter Hand kennt. Trotzdem zeigt er Indizien und Anomalien auf, welche die etablierte Geschichtsschreibung anscheinend nicht gut erklären kann.

Wie ist die Lage tatsächlich? Hier sollte man die Quellen orten, definitiv sichern und gewissenhaft untersuchen. Die Chancen für die Arbeit stehen gut, der Aufwand der Forschung würde sich in Grenzen halten und die Relevanz steht außer Frage.
Mit den obigen Ausführungen sind die Übertreibungen der alten Metapolitik korri-
giert, die wachsende Bedeutung der kulturellen Arbeit dargelegt, die Richtlinien einer geeigneten kulturellen Strategie skizziert und veranschaulicht.
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Links: Jean Hardouin  Mitte: Herbert Illig 
(12) Das Subjekt ›echter Preis im freien Markt‹ verhielte sich dann im angeblichen Gesetz wie das Subjekt ›schwarze Katzen‹ in ›alle schwarzen Katzen sind schwarz‹, wo das Prädikat nicht Neues hinzufügt und keine Information vermittelt.
(13) Vgl. auch: http;//www.new-tradition.org/view-garry-kasparov.htm 
(14) Der Jesuit Harduinus leitete die königliche Bibliothek und erhielt den Auftrag, sämtliche kirchlichen Konzilsakten zu ordnen und herauszugeben. Er hielt viele Werke der Antike, Bücher der Kirchenväter und Dokumente der früheren Kirchenzeit (sogar die griechische Version des Neuen Testamentes) für Fälschungen aus dem 13. Jahrhundert. Im Jahr 1709 mußte Har-
douin seine Thesen widerrufen. Wie auch immer kann ich aus meinen Fachstudien in Mediävistik mehrere Anomalien bezeu-gen. Z. B. wurde das pantheistische Werk
De Divisione Naturne von Scotus Eriugena (ca. 810-877) erst 1225 durch die Kirche verdammt. Es verwundert auch, daß das Latein des 12. Jahrhunderts (etwa bei Abaelardus) viel entwickelter ist als das des 13. Jhds. Zuletzt erwecken die Werke von Duns Scotus den Eindruck, daß die Manipulationen im 14. Jhd. die Regel waren.

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