Die Wandlung bei der Stellung der Frau

Die freie Stellung der Frau, die für alles  Indogermanentum bezeichnend ist, war in Hellas im homerischen Zeitalter noch erhalten; Gestalten wie Penelope, Andromache, Arete und Nausikaa lassen dies erkennen. Diese freie Stellung der Frau ist in Sparta nahezu erhalten geblieben, während bei den anderen Hellenenstämmen die Frau nach und nach ihre ursprüngliche Stellung als Hausherrin (despoina) verlor und auch im häuslichen Bezirke
viel weniger galt als der Hausherr. Die indogermanische Sitte schrieb dem Ehemann und
der Ehefrau gleiche Geltung zu, während andere Stämme semitischer Sprache, der Frau geringere Geltung zumaßen. Die morgenländische Unfreiheit der Frau, ihre Verweisung in eifersüchtig behütete Frauengemächer und ihre Verdrängung aus dem öffentlichen Leben: solche Sitten und Anschauungen sind schließlich für Athen und die meisten anderen helle-
nischen Staaten kennzeichnend geworden, während das Erbtöchterwesen und vielleicht auch Einwirkungen aus dem mutterrechtlichen Geiste der vorhellenischen Bevölkerungen, dazu ein Frauenmangel, wie er anscheinend nach dem Erdbeben eingetreten war, in
Sparta die Geltung der Frau eher noch erhöhten. In Athen bewirkte die Minderung des Ansehens der Ehefrau, daß ledig bleibende, ihre Gunst an die Männer ungebunden verschenkende Frauen, oft Frauen von hoher Bildung, die Hetairen, um so einflußreicher wurden. Die gebildeten Geliebten wohlhabender Männer haben in Athen nicht nur durch Anstiftung von Ränken der führenden Männer gegeneinander und durch Förderung eines sophistisch auflösenden Geistes zur Zersetzung der Staatsgesinnung beigetragen, sondern auch dadurch, daß sie wertvollere Männer dem Familienleben entzogen und in ihren Beziehungen selbst kinderlos blieben, viel zum Aussterben der echt hellenischen Familien beigetragen.
In Sparta haben sowohl der Männerbund , wie der sich steigernde Fraueneinfluß, wie
das Erbtöchterwesen, ausmerzend gewirkt. Je mehr die Männer im 4. Jh. v.d.Z. vom Staatswesen und vom Männerbunde gefordert wurden, je mehr zugleich die Zahl der Spartiaten abnahm, desto mehr wuchs der Einfluß der Frau. Die Frauen waren sich selbst überlassen, die Leitung des Hauswesens und der Güter mußte ihnen oft überantwortet werden; viele Frauen wurden hierdurch anmaßend und zügellos. Im 4. Jh. v.d.Z. ver-
schlechterte sich der Ruf der spartanischen Frau. Die ehelichen Bande lockerten sich, die von Polybios (XII, 6, 8) erwähnte Vielmännerei nahm zu. Die Erbtöchter begannen, sich
dem Lebensgenuß hinzugeben, auch einem genießerischen Sport, der für sie einen Teil ihrer Körperpflege bedeutete. Die überlieferte Gesinnung spartanischer Leibesübungen verlor sich; die Mädchen übten nicht mehr um der tüchtigen Mutterschaft, sondern um ihres schönen Leibes willen. In den Tuskulanischen Gesprächen (Cicero: II, 15, 16) sind griechische Verse angeführt, die wahrscheinlich vom Ende des 5. Jh. v.d.Z. stammen: die Spartanerinnen dächten mehr an ihren Sport als an das Kindergebären. Die Empfängnis-
verhütung aus Bequemlichkeit und Selbstsucht verbreitete sich neben derjenigen aus Verarmung. Es scheint, daß viele Spartiatentöchter, Nachfahren eines ungebundenen Lebens, erst spät heirateten und nur noch ein Kind oder zwei aufzogen. Dabei gehörten
die Spartiatentöchter immer noch dem besten Menschenschlag an, den Hellas hervor-
brachte.


Der Zerfall

Den Zerfall Spartas als Folge der Abirrung von den alt-spartanischen Sitten hat Plutarchos zusammenfassend beschrieben (Lakonische Denksprüche):
„Solange Sparta die lykurgi-
schen Gesetze befolgte und dem abgelegten Eide treu blieb (…), war es volle fünf Jahr-
hunderte lang… unter den hellenischen Staaten der erste und vornehmste“
, dann aber hätten sich Habsucht und Liebe zum Reichtum eingeschlichen; die Machtstellung habe
sich vermindert, die Bundesgenossen seien abgefallen. Noch seien die Spartaner aber
dank der Reste lykurgischer Sitten und Gesetze geachtet gewesen bis in die Zeit nach
dem Tode des Makedonenkönigs Alexandros; endlich hätten aber die Lykurgs Verfassung gänzlich mißachtet, ihre überlieferte Lebensordnung gänzlich aufgegeben, seien Tyrannen verfallen und schließlich unter die Herrschaft der Römer geraten. Dieser Weg zum Unter-
gang war sicherlich dann unvermeidlich geworden, als der Grundsatz der Unveräußer-
lichkeit der Erbgüter ― der Ernährungsgrundlagen für Familien mit ausreichendem Nach-
wuchs ― aufgegeben, als auch in Sparta der Boden zur Ware geworden war.
Nach der Niederlage von Gellasia folgten sinnlose Versuche zur Rettung der Wirtschaft und des Staates, die verraten, daß nun auch die Besonnenheit, Zurückhaltung und Vor-
denklichkeit, diese echt spartanischen, zugleich nordischen Tugenden, in Sparta ge-
schwunden waren, die Thukydes (I, 84) noch von den Spartanern gerühmt hatte. Nachdem im Jahre ― 206 der grausame und höhnisch rohe Nabis sich zum Tyrannen aufgewor-
fen hatte, erfolgte in Sparta eine Gewaltherrschaft, durch die alte Familien ausgemordet wurden, die sich aus Freiheitsliebe dem Tyrannen entgegenstellten, durch die aber auch die meisten angesehenen und reichen Familien vernichtet wurden, weil Nabis sie fürch-
tete. (…) In dieser Zerstörung sind wahrscheinlich die letzten Spartiatenfamilien, aber
auch manche tüchtigeren Perioithekenfamilien zugrunden gegangen und letzte Reste echten Dorertums der Rassenkreuzung anheimgefallen, dem Versinken im Rassengemisch der heilotischen Schicht. Unter dem Namen Sparta bestand zuletzt ein Land und ein halbfreier Staat ohne Spartaner.
Die Schlacht bei Leuktra von -371 war eigentlich schon das Ende gewesen, obschon
auch nach Leuktra die spartanische Würde noch nicht gänzlich verloren war. Als das thebanische Heer nach der Schlacht bei Leuktra bis zum Eurotas vorgedrungen war, rief nach Plutarchos (Lakonische Denksprüche) ein übermütiger Thebaner einem gefangenen Spartaner zu:
„Wo sind denn nun die Spartaner?“ Der Gefangene antwortet: „Sie sind
nicht da, sonst ständet ihr nicht hier.
“ Die Antwort zeigt, daß den Resten des spartani-
schen Dorertums  bewußt war, die ererbte Kraft der ausgelesenen Geschlechter sei bis
zum Ende bewahrt geblieben, die Zahl der Geschlechter aber sei schließlich zu gering geworden; die Thebaner waren in ein Sparta ohne Spartaner eingedrungen. Im Jahre – 331 war Sparta ein Teilstaat des Makedonenreichs geworden. (…) Nach der Schlacht bei
Gellasia im Jahre – 221 betrat der Feind, die Makedonen unter Antigonos Doson, zum
ersten Male das spartanische Kernland und besetzte dieses Land ohne Dorer. – 195 er-
folgte die Eroberung Spartas durch die Römer, der Bevölkerung wurden grausame Friedensbedingungen auferlegt. In späterer römischer Zeit wurde die Stadt Sparta zu
einer geruhsam abgelegenen Freistadt des Römischen Reiches, von reichen Römern als
eine Sehenswürdigkeit besucht, als eine Örtlichkeit der ruhmvollen spartanischen Geschichte, über die gebildete Römer unterrichtet worden waren.
Was nach Untergang der dorischen Geschlechter in der Eurotaslandschaft und auf der Peloponnes bis auf den heutigen Tag erfolgt ist, läßt sich mit den 8 bis 9 Jahrhunderten dorischer Geschichte in diesen Gebieten nicht mehr vergleichen. Viele Geschlechterfolgen zahlreicherer Bevölkerungen haben in gleicher Umwelt nicht mehr das bedeuten und
wirken können, was vorher dort gewirkt worden ist. Diese Bevölkerungen späterer Zeit waren wohl noch Spracherben der Dorer, kaum noch aber deren Bluterben. Wo indessen heute in der Peloponnes und auf Kreta noch Reste des Dorertums angenommen werden dürfen, kleine Gruppen von Nachkommen der Dorer mitteleuropäischer Herkunft, da sind dies höher gewachsene, blonde und helläugige Menschen in abseits gelegenen bäuerlichen Siedlungen. Die lakonische Mundart im Gebiete des Berges Parnon an der Ostgrenze des alten Spartas ist wahrscheinlich unmittelbar vom Lakonischen abzuleiten, also nicht wie
die anderen Mundarten von der späthellenischen Gemeinsprache, der koiné; sie bewahrt von allen neugriechischen Mundarten die meisten Züge des Altgriechischen.


(Aus: Hans F. K. Günther, Lebensgeschichte des hellenischen Volkes, Pähl 1965; von uns zusammen-gestellt und -gefaßt)
 
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