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Wie sehr diese alten germanischen Glaubensvorstellungen bis zur Gegenwart noch fortwirkten, ergibt sich auch aus Sinnbildern unserer Bauernhäuser. Als Giebelzeichen finden wir sehr häufig zwei Pferde oder auch zwei Schwäne. Die beiden Pferde keh-
ren auch im Hause wieder als Schmuck des Herdrahmens, eines Balkengerüstes, das über dem Herde angebracht ist und den Kesselhaken trägt. Im Schleswig-Holsteini-
schen heißen diese Giebelpferde Hengist und Hors. Sie haben hier denselben Namen wie in der englischen Sage die Anführer der Angelsachsen, die diese aus ihrer schles-
wig-holsteinischen Heimat nach England führten. Andererseits aber wissen wir, daß die Zwillingsgötter auch als Schimmel oder Schwan vorgestellt wurden. Die Giebel-
zeichen gelten heute noch als schutzbringend. Auch die Pferdeköpfe des Herdrah-
mens sind ursprünglich wohl Bilder der schützenden Zwillingsgötter. Hengist und Hors wachen über das ewige Feuer des Herdes, das sie entzündet haben. Man versteht diese an das Herdfeuer anschließenden Bräuche nur richtig, wenn man bedenkt, daß nach ursprünglicher Anschauung derjenige, der diese Kulthandlung ausführt, der großen heiligen Ordnung der Welt folgt, in die auch der Mensch hinein geboren ist und die er beachten muß, soll sein Werk den Segen der Gottheit haben.
 
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Nur wenn man den Ursinn der Wintersonnenwende bedenkt, wird man die vielfäl-
tigen Bräuche und Sagen, die sich gerade an dieses Fest anschließen, verstehen. Es ist die Zeit, in der die Weltordnung aufs neue aufgerichtet wird und gegen alles Zerstörerische neue Kraft erhält. Das Schicksal des kommenden Jahres entscheidet sich nach altem Volksglauben in dieser Zeit. Der Ablauf des neuen Jahres ist im Geschehen der Festtage vorweggenommen; daraus erklärt sich der zunächst merk-
würdig erscheinende Volksglauben, daß in dem Wetter der Zwölf Heiligen Nächte sich das Wetter der kommenden zwölf Monate anzeigt. Daher auch die vielfältigen Arten, in dieser Zeit des Mittwinters das Schicksal neu zu befragen. Das Kommende meldet sich an und der Aufgeschlossene vermag einen Blick in die Zukunft zu tun. Sehr alter-
tümlich ist auch der Brauch, in dieser Zeit heilige Gelübde zu leisten. Das Gelübde, mit dem man z. B. eine Tat im kommenden Jahr auszuführen beschwört, in dieser Stunde gesprochen, verpflichtet nicht nur den Sprecher, sondern auch das Schicksal, das ihm nun helfen wird.
Weihnachten ist das Hauptfest des volkstümlichen Jahres, und darin erkennen wir altes Erbe aus germanischer Zeit. Uber den Kreis der winterlichen Festtage hinaus ist das alte germanische Hauptfest wirksam gewesen. Es wurde vorbildlich auch für andere Jahresfeste, und seine Sinnbilder kehren daher auch zu anderen Zeiten wieder. Wenn wir alle diese zerstreuten Überlieferungen wieder zusammenfügen, erhalten wir ein klares Bild von den alten Festbräuchen dieser Zeit und können dann auch Einzelzüge, die aus dem einstigen Ganzen sich herauslösen und für sich betrachtet nicht mehr verständlich sind, wieder in den richtigen Zusammenhang einfügen. Es ergibt sich dann, daß wie bei der sommerlichen Sonnwendfeier auch bei der winterlichen — das heilige Feuer als Abbild des göttlichen Sonnenfeuers im Mittelpunkt des Festes stand.
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Das heilige Feuer steht als Abbild des göttlichen Sonnenfeuers
im Mittelpunkt des Festes.

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